Anders ehrlich

Es ist gerade Nacht in Pronstorf. Vor ein paar Stunden bin ich bei Human Posture angekommen und sitze nun bei Kerzenschein in „meinem“ Teil des Hauses. Durch die Zeit, die ich hier verbringe, habe ich ein Stammplätzchen lieb gewonnen, was von den Familienmitgliedern manchmal liebevoll „Bines Haus“ genannt wird. So süß. Momentan bin ich allein, Kai und Deva sind mit ihren Kindern auf Reisen.

Aktuell habe ich ein so unglaublich großes Bedürfnis nach Stille. Schon auf der Reise hierher mit Bahn, Bus und den letzten Kilometern über Land zu Fuß, habe ich gemerkt, wieviel Anspannung ich mit mir herumtrage. Dieser Ort hier legt das immer so frei. Irgendwie hart – aber ich bin dankbar dafür. So fällt es mir leichter, diesen ganzen Energien ins Auge zu blicken.

In meinem Blog-Backend stapeln sich Texte zu verschiedenen Themen, über Ernährung, über Kalari, über meine aktuellen Erfahrungen mit einer Hormonumstellung und der MS. Aber momentan fühlt es sich einzig richtig an, ein paar andere Worte zu schreiben.

Vor ein paar Tagen hat mir eine liebe Menschin gesagt, dass sie das Gefühl hat, ich sei nicht mehr Hundertprozent ehrlich auf diesem Blog, ich hielte mich zurück. Sie lese in jeder Zeile, dass mir andere Worte als die Geschriebenen auf der Seele brennen. Ja – diese Menschin hat recht. Seitdem ich mich so verändere und einen neuen Weg betreten habe, fällt es mir schwerer als vorher, direkt von Seele weg zu schreiben, was ich fühle.

Warum? Weil es krass ist. Weil ich das Gefühl habe, man versteht mich nicht. Ich dachte bisher, ich möchte jeden einzelnen mit an die Hand nehmen, darf mit meinen Worten nicht zu sehr vor den Kopf stoßen, möchte sanft alle, die bisher meinen Weg verfolgt haben, auch die Möglichkeit geben, auf dieser Reise dabei zu sein.

Aber ich muss erkennen, dass das nur so bedingt funktioniert. Denn A) werde ich es nicht erzwingen können und B) sind all die Erfahrungen, die ich zurzeit mache, nicht nachzuvollziehen, in dem man ausschließlich davon liest, sie also konsumiert. Man muss tatsächlich raus und in die Selbsterfahrung gehen. Nur dann werden sich meine Texte wirklich erschließen und an Tiefe gewinnen. Ich spüre die Zurückhaltung da draußen und versuche dies in meinen Texten zu kompensieren.

Ich rede übers Loslassen der Krankheit und dann erkenne ich, dass es mir schwerer fällt, all das drumherum loszulassen. An diese liebe kleine feine Community, die sich um „Kleine graue Wolke“ gebildet hat, besteht so viel Anhaftung meinerseits. Daran werde ich arbeiten ab sofort,.

Gerne lasse ich jeden, den es interessiert, an meiner Reise teilhaben, nach wie vor. Aber ich möchte mich nicht mehr verstellen und die Texte mit Weichspüler überschütten, bevor ich mich traue, etwas in die Welt zu lassen. Ja, vielleicht hat es einfach auch mit Mut zu tun. Ich möchte von nun an auch in meinem neuen Lebensabschnitt den Mut aufbringen, direkt aus dem Herzen zu schreiben. So wie diesen Text.

In einem Kommentar unter einem anderen Beitrag habe ich diesen Anspruch sogar schon formuliert: Auf diesem Blog möchte ich immer ich selbst bleiben. Daran musste ich neulich einfach erinnert werden. Und ich bin sehr sehr dankbar, dass dies passiert ist.

Wisst ihr, all die vergangenen Jahre habe ich mich durch meine Entwicklung und meine Krankheitsverarbeitung in eine Art von Vorbild-Rolle oder Anker für Hilfesuchende bringen lassen. So gesehen war ich eine Art von „Lehrerin“. Ich habe mich so sehr an diese Rolle gewöhnt, dass ich immer noch so rede und schreibe, als ob ich diese „Lehrerin“ sei.

Aber das bin ich nicht. Ich bin Schülerin. Blutige Anfängerin. Ich stecke im Chaos. In einem wunderbaren Chaos – aber im Chaos.

Es fühlt sich so an, als ob mein Leben schon seit langem nicht mehr das ist, was es mal war. Und doch ist der Schub, der alles änderte, nur 4 Monate her. Das ist nichts! Ich bin durch eine Tür getreten und bin noch mitten im Prozess, sie hinter mir zuzuschlagen, um danach ausschließlich nach vorne zu blicken. Immer wieder schaue ich durch die Tür zurück auf mein altes Leben. Sehe, wie bequem es war, unverantwortlich zu handeln und sich in den Schoß der MS zu legen. Sehe, wie einfach mein Tagesablauf war – so ungute Konsequenzen er zum Teil hatte. Es war so scheiße bequem, zu essen, was und wann ich wollte.. achja, die Fatigue und die Darmbeschwerden, aber die kenne ich doch schon, die nehme ich als Kollateralschaden einfach mit.

Ich kann und will niemanden gewaltsam mit auf die Reise nehmen. Einzig und allein von ihr berichten – das kann ich. Das was in meinem Film „Kleine graue Wolke“ über zwei Jahre Prozess filmisch begleitet wird – das passiert nun hier und auf Instagram live. Ich lerne anders zu leben. Ich lerne bewusst zu werden. Ich lasse sehr viel los. Mache einen Kopfsprung ins Chaos. Ich weiß nicht, wer ich bin. Aber ich weiß, über was ich mich nicht mehr definieren möchte.

Es ist absolut kein Rosa-Wolken-Weg. Oft ist es anstrengend, oft tut es weh, auf all seine Emotionen und Gedanken, Handlungsmuster und Erinnerungen zu schauen. Aber all das resultiert in etwas so Schönem, was in Worten nicht ausgedrückt werden kann. Ich hatte nur einen kleinen Vorgeschmack davon bekommen in meinen Retreats bei Deva. Aber das reicht, um mich Tag für Tag weitergehen zu lassen, egal, wie viele Umwege ich laufe.

Aktuell bin ich mal wieder ein paar Kilometer durchs Gestrüpp unterwegs und laufe eine kleine Schleife. Kein Problem. Sie musste sein. Jeder Umweg wird seine Daseins-Berechtigung haben. Und letztendlich hat sie mich erkennen lassen, warum es mir in letzter Zeit so schwer fällt, zu bloggen. Selbst zu meinem 6. MS-Jahrestag, der neulich war, konnte ich meinen Text nicht posten, weil ich gemerkt habe, wieviel Zurückhaltung in ihm steckte.

Das hier fühlt sich gerade an wie ein Befreiungsschlag. Und da hinten! Da sehe ich ihn schon wieder – den Weg!

7 thoughts on “Anders ehrlich

  1. Hallo Sabine,

    ich kommentiere eigentlich kaum aber zu diesem Text muss ich dir jetzt sagen, dass ich es LIEBE was du da derzeit machst und ich bin jedes Mal ganz gierig auf deine Insta-Posts und Insta-Storys. <3

    Meine Ernährung habe ich mittlerweile von jahrelang gesund und natürlich, über gluten- und laktosefrei nochmal in eine andere Richtung umgestellt (Autoimmunprotokoll) aber alles was ich mir derzeit in Richtung Meditation und Selbstfindung aneigne, ist allein dein Verdienst! Und ich find's toll und unheimlich spannend, sich irgendwie auf eine so ganz neue Art und Weise selbst kennenzulernen.

    Ich blicke, wie du, auch ganz oft zurück und fühle mich, als wäre ich gleichzeitig zu einem neuen Menschen geworden und aber irgendwie auch der alte geblieben.
    Man kann (und will) halt eben nicht mehr alles essen, hinterfragt viel mehr und plant den Alltag für das neue Ich anders ein. Ist auch ok so, das neue Ich fühlt sich deshalb ja auch viel besser an. 🙂

    Fatigue und Darmbeschwerden hab ich auch lange Zeit nicht hinterfragt oder geglaubt, dass es auch anders sein kann. Und dass sich "anders" einfach unbeschreiblich gut anfühlt! Eben ein neues Lebensgefühl 🙂

    Dass man mit der Freude über dieses neue Gefühl und über die vielen daraus resultierenden Erkenntnisse nicht bei jedem Menschen auf offene Ohren stoßt, merkt man schnell. Leider. Ich glaube, manche Menschen "ärgert" es vielleicht wenn sie sehen, dass jemand etwas schafft, was sie selbst nicht können (und aber gerne würden – gerade in Bezug auf die Ernährung). Wir sollten das keinesfalls persönlich nehmen, enttäuscht sein und/oder schon gar nicht aus diesem Grund nicht hinausposaunen, wie gut es uns geht und wie glücklich uns das alles macht. 🙂

    Wenn wir mit unseren Erkenntnissen von zig Menschen auch nur einen dazu inspirieren können, gewisse Dinge auch mal zu hinterfragen und zu ändern, dann ist es schon einer mehr als zuvor. Oder nicht? 😉

    Also bitte, sage und schreibe alles so nieder wie du gerne möchtest und halte nichts (mehr) zurück.
    Mich hast du bereits unbekannter- und unbewussterweise an die Hand genommen und ich bin dir dafür unheimlich dankbar! 🙂

    Alles Liebe und noch eine schöne Zeit in Pronstorf,
    Claudia

    1. Danke für deinen tollen Kommentar, liebe Claudia!! Es freut mich total, dich unbewussterweise mit an die Hand genommen zu haben und zu lesen, dass du schon selbst Erfahrungen mit Meditation usw. machst 🙏 Viele liebe Grüße aus mittlerweile wieder Hamburg ☺️

  2. Liebe Sabine, ich verfolge ja schon ne Weile deinen Blog. Und deine Wandlung spüre ich, ja. Ich spürte aber nicht, dass du nicht mehr ehrlich auf deinem Blog sein solltest. Im Gegenteil. Besonders in letzter Zeit empfinde ich dich oft als sehr tiefgreifend und durch und durch ehrlich. Deine Gefühle, Gedanken, Begeisterungen in greifbare Worte geformt, machen deinen Blog zu etwas ganz Besonderem. Hier und da zwischen den Zeilen schlummert zwar Unausgesprochenes, was ich aber nicht als unehrlich empfinde. Wir sitzen schließlich nicht face-to-face, wo ich nachhaken würde.

    Lass dich nicht verunsichern und entmutigen, mach weiter, erzähle von dir und deinen Lebensreisen. Ich höre dir gerne zu, sehr gerne sogar.
    Ich hoffe, das Gefühl kommt zurück, dass du dich wieder verstanden fühlst. Also hey, nehme wieder meine/unsere Hand, ich komme mit auf deine Reisen 🙂

    1. Und dieses Gefühl eine Art „Lehrerin“ zu sein, liegt sicher auch daran, dass du ganz oft Vordenkerin bist und Dinge aussprichst, die so vielen anderen längst auf dem Herzen liegen. Du hast da eine ganz besondere Gabe. Das ist doch wunderbar. Alles nur eine Sache der Perspektive 😉

      Und weißt du was, deinen Blog sehe ich schon lange nicht mehr im direkten Kontext zum Film oder zur MS. Ich sehe dich, eine außergewöhnliche und doch ganz gewöhnliche tolle und mutige Frau mit ihrer ganz persönlichen Geschichte. Irgendwie ein Sabine´s-Lebensreisen-Blog 😀
      Alles Liebe wünscht dir Mia <3

      1. Liebste Mia, tausend Dank für deine Worte 🦋 – und ich hab echt schon lange rumüberlegt, den Untertitel meines Blogs zu ändern. Du schubst den Gedanken grad erneut an 😅

  3. Liebe Sabine,
    sei einfach Du selbst! Alles gut. Ich hatte einfach manchmal das Gefühl, dass bei dir jetzt die Zeit des Erlebens ist. Vielleicht nur für dich. Darum gehts doch. Genieß dich, mach wonach Du dich fühlst. Meine guten Wünsche begleiten dich
    😁

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