Anfänger und Fortgeschrittene

In diesen Tagen werde ich wieder vermehrt um Hilfe gebeten. Freunde von Freunden bekommen MS und suchen Hilfe. Und ich helfe gerne. Ist doch klar! Irgendwie selbstverständlich. Denn ich weiß wie schlimm hilflos und einsam man sich in den ersten Wochen fühlt. Wenn ich bloß ein paar dieser ehlenden Stunden mit Leben füllen kann, ist es mir das wert.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, Tipps und Weisheiten zu verteilen. Ich fühle mich doch selbst noch als Anfängerin. Doch während ich mich mit meinen eigenen Anfängen auseinandersetze, fällt mir auf, was ich nicht wieder so machen würde. Zum Beispiel: „Multiple Sklerose“ in Google eingeben. Jedenfalls nicht eine Woche nach der Diagnose. Oder in irgendwelche Foren schauen. In Facebook-Gruppen eintreten. Pfui. Was dort alles erzählt wird! Selbst mit 2 Jahren MS Erfahrung fällt es mir schwer, diese ganzen im Detail beschriebenen Probleme durchzulesen, die dort besprochen werden.


Und dann werde ich gefragt: „Warum denn die Finger von sowas lassen? Du hast dich in deinem Film doch auch mit schlimmeren Schicksalen konfrontiert?“ Ja, stimmt. Warum eigentlich?

Die Sonne scheint vom Himmel und taucht Frankfurt in ein freundliches, warmes Licht. Zum ersten Mal in diesem Jahr fühlt es sich nach Sommer an! Ich fühle mich etwas nervös. Aufgeregt. Meine Hände zittern leicht in meiner Hosentasche. Gleich treffe ich zum ersten Mal Peter und Sillke. Zwei Menschen, die aufgrund ihrer MS schwere körperliche Beeinträchtigungen haben sollen. Ich kenne sie bisher nur aus zwei Telefonaten. Vielleicht hab ich auch Angst?

Zwei Stunden später. Wir drei sitzen gemütlich auf dem Sofa. Die Sonne scheint mir auf den Körper. Peter und Silke sitzen nebeneinander und erzählen. Von ihrem Leben. Von der MS. Hinter ihnen baumelt der Deckenlifter, den Silke braucht, um Peter aus dem Rollstuhl auf das Sofa zu heben. Neben dem Sofa steht Silkes Rollator. Sie steckt Peter ein Salzbrezel in den Mund. Mit schelmischen Grinsen berichtet Peter von seiner Diagnose. Er neckt Silke. Wir lachen.

Ich sitze diesen beiden Menschen gegenüber. Man sieht ihnen an, dass sie Schweres mitgemacht haben. Dass ihr Leben nicht leicht ist. Durch die gleiche Krankheit, die ich auch in mir wohnt. Multiple Sklerose. Dieses unberechenbare, unvorhersagbare Biest.

Aber ich sehe mich nicht an Peters Stelle. Ich sehe mich nicht im Rollstuhl. Nicht mehr fähig aufzustehen. Nicht mehr fähig allein ohne Hilfe zu essen. Nein. Ich sehe zwei wunderbare, herzensgute Menschen. Zwei Menschen, die ihren Willen zu leben und das Beste daraus zu machen nicht verloren haben. Die nicht verlernt haben zu lachen. Ich sehe Menschen mit unglaublichen Mut, zwei Menschen, die sich lieben, obwohl sie an einer unkontrollierbaren Krankheit erkrankt sind, die überhaupt keine Rolle für ihre Beziehung gespielt hat..

Deswegen. Weil es etwas anderes ist, ob jemand ein Facebook-Post über sein Schicksal verbreitet oder ob dir jemand gegenübersitzt. Die MS ist so unterschiedlich wie ihre „Besitzer“. Man vergleicht sein eigenes Leben nicht so leichtfertig mit anderen, wenn man einem Menschen gegenübersitzt und sich die Zeit nimmt ihn kennenzulernen. Warum auch? Wir sind alle so verschieden. Warum sollte die MS dann gleich verlaufen?

Aber im Netz geht das so schnell und so einfach. Es häufen sich die Horrorszenarien. Gebt mir 10 Minuten und ich suche euch zehn schlimme MS-Schicksale aus dem Netz, von denen am Ende keiner mehr leben will. Jammern ist so einfach. Aufgeben ist einfach. Und zwei drei Sätze sind auch schnell getippt. Und dann? Dann findet jemand, der seine Diagnose seit einer Woche hat, der das alles noch gar nicht richtig versteht und der geschweige denn weiß, was MS überhaupt bedeutet, genau diese drei Sätze. Was sollte ihn oder sie davon abhalten, genau das dann zu glauben? Es auszusortieren? Es kann doch noch gar keinen Filter geben in diesem Stadium.

Und dann frage ich mich: Wenn jemand, der ganz neu von MS betroffen ist, meinen Film findet, meinen Blog findet, meine Facebook-Seite oder was auch immer. Gibt es ihnen das dann Mut? Oder bekommen sie trotzdem Angst? Ist mein Film auch für Fortgeschrittene?

Ja, positiver, mutiger Umgang ist das Ziel. Aber auch ich habe Höhen und Tiefen, die ich nicht verschweigen möchte. So ist das nunmal (bei mir). Deswegen bin ich gespannt wie ein Flitzebogen, wie mein Film und alles andere ankommt, das könnt ihr mir glauben. Aber ich freu mich drauf 🙂

5 thoughts on “Anfänger und Fortgeschrittene

  1. Liebe Sabine,
    ich habe mir Deinen Film auch angeschaut und ich denke, Du als „Anfängerin“, hast es sehr gut beschrieben, gezeigt. Das Leben kann einigermaßen „leicht“ mit MS sein, aber es kann auch sehr schnell ganz hart werden.
    Ich denke es kommt auch auf den Typ Mensch an, wie er es empfindet…. da kann man sich kein allgemeines Urteil bilden.
    Ich als „Fortgeschrittene“ finde, Du hast es sehr gut gelöst. Vielen Dank dafür.
    Liebe Grüße

  2. Hallo liebe Sabine, ich lese deinen Blog sehr gerne und schau mir am allerliebsten die „1000 Gesichter“ Clips an… Seeehr gelungen.
    Zu deinem „alten“ Post oben bin ich jedoch ganz anderer Meinung. Ich würde jedem sofort ausgewählte Facebookgruppen empfehlen – ich kenne keine andere Plattform, auf der man sich so intensiv über alternative Methoden austauschen kann. Ich selber hab dort so viele Informationen und Anregungen ziehen können.
    Ehrlich gesagt hat mich dein Film mehr „mitgenommen“, hat mich mehr beschäftigt… ich glaube da tickt jeder anders. Beim Lesen kann ich mir mein eigenes Bild machen (ob dies nun der Realität entspricht oder nicht, sei dahingestellt) – beim Film kann ich das weniger. Jedem das Seine 🙂

    1. Ja, na klar 🙂 Das sehe ich auch so, jedem das Seine!! Deswegen finde ich es auch super, das wir heutzutage die Auswahl haben, uns das Medium rauszupicken, was einem dann am besten hilft!
      Liebe Grüße!

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