#bodypositivity

Meine Filterblase füllt sich derzeit mit dem Hashtag #bodypositivity. Das Thema ist schon länger präsent – durch den Film „Embrace – Du bist schön“ bekommt es jetzt aber nochmal neuen Antrieb, habe ich zumindest das Gefühl.

Als dieser Begriff vor einiger Zeit auftauchte, hab ich mich eigentlich gefreut, dass endlich ein Bewusstsein dafür entsteht, seinem Körper Gutes zu tun und ihn nicht zu hassen, ganz gleich wie er ist. Das fand ich gerade auch im Bezug auf Auswirkungen einer (chronischen) Erkrankung auf unsere Körper so interessant. Liebe deinen Körper, auch wenn deine Beine anders funktionieren als früher. Liebe deinen Körper, auch wenn er dir momentan unberechenbar erscheint.

Es schien mir als eine Chance, dass im größeren Stil eine neue Beziehung zum eigenen Körper und dem Umgang damit aufgebaut wird. Im größeren Stil meint: Auch außerhalb einer Community wie unserer mit MS.

Aber wenn ich mir heute die Beiträge zu dem Thema in meinem Instagram-Stream so anschaue, hab ich da wohl etwas missverstanden.

Das Thema Body Positivity bezieht sich ausschließlich auf das Erscheinungsbild eines Menschen. Versteht mich nicht falsch: Ich gehe da voll mit, dass sich niemand für Behinderungen, Kurven, Narben und Cellulite schämen sollte. Nein, das ist nicht der Punkt. Mir erscheint diese Bewegung nur mehr und mehr oberflächlich.

Dass Models mit Größe 34 als zu fett von Agenturen abgelehnt werden, ist echt krass und unglaublich, ja. Dass man sich als Frau ständig unter Druck gesetzt fühlt aufgrund der gephotoshopten Magazin-Cover – das hängt zwar auch von einem selbst ab, aber ja, auch das ist ungesund. Dass Männer hässliche Kommentare ablassen, wenn man mit über 20 Jahren Yogahosen auf der Straße trägt, das ist so absurd, dass ich dazu gar nichts schreiben will.

Daher finde ich es gut, wenn wir uns hinstellen, so wie wir sind, und annehmen, dass wir schön sind. Punkt.

Aber nach meinem Empfinden gibt es da eine merkwürdige und gar nicht für den Körper positive Begleiterscheinung. Der Begriff scheint mir als eine Ausrede benutzt zu werden, nicht mehr auf sich schauen zu müssen. Auf die Gesundheit des eigenen Körpers. Und die hat doch in erster Linie gar nicht so viel mit Schlankheit oder Aussehen zu tun.

Wahre Selbstliebe hört nicht damit auf, dass man das Aussehen seines Körper annimmt. Selbstliebe hat auch mit der Entscheidung zu tun, sich mit seinem Körper auf allen Ebenen auseinanderzusetzen und ihm Gutes zu tun.

Ist es nicht irgendwie merkwürdig, dass wir uns hinstellen und propagieren „Hier, schaut her, das sind meine Stresspickel – aber auch mit Pickeln bin ich schön!“ #bodypositivity. Aber gegen den Stress an sich wird nichts unternommen? Es erinnert mich an MS-Medikamente: Wir versuchen mal, die Symptome zu unterdrücken, aber gegen die Ursache haben wir kein Mittel.

Ob das alles nachhaltig zu mehr Body Positivity führt?

Meine Interpretation von #bodypositivity ist jeden Falls eine andere. Ja, liebt euch, wie ihr seid. Schaut nicht so viel nach links und rechts. Aber seid achtsam. Horcht, was eure Körper euch mitteilen wollen. Und zieht Konsequenzen, wenn sich eure Körper unwohl fühlen. Werdet aktiv! Entscheidet euch für euch. Und nicht für ein Hashtag und damit eine Schublade im Kopf, in die man alle Anzeichen von Unwohlsein wegsperren kann.

4 thoughts on “#bodypositivity

  1. Ich kann sehr gut verstehen (denke ich), was Du meinst. Jedoch finde ich das wording schwierig: „Der Begriff scheint mir als eine Ausrede benutzt zu werden, nicht mehr auf sich schauen zu müssen. Auf die Gesundheit des eigenen Körpers“ – ich kann meinem Körper noch so gut zuhören, ihm noch so viel Ruhe und Gutes gönnen, er wird nicht mehr gesund. Ich kann die Behinderungsprogression nicht mehr aufhalten, manchmal auch nicht günstig beeinflussen, weil die Faktoren dazu außerhalb meiner Reichweite liegen.

    Ich gönne Dir Deine Einstellung und Deinen Verlauf sehr – meine Sicht ist hier nicht wiedergespiegelt.

    Herzliche Grüße,
    Katja

    1. Liebe Katja,
      Schön, dass du das so offen sagst! Ich würd total gerne mehr über deine Sichtweise erfahren!

      Deinen Punkt der nichtaufhaltbaren Behinderungsprogression ist aber eigentlich nicht, was ich in dem Absatz meine. Er bezieht sich eher auf das Beispiel im letzten Absatz. So nach dem Motto „ich bin #bodypositivity, hier sind meine Stresspickel“. Weißt du, für mich ist #bodypositivity, wenn man an seinen Stresspickeln erkennt, dass man kürzer treten sollte. Der Körper sendet ein Signal. Ich bin einfach der Meinung, dass man sowas nicht mit einer Überschrift abstempeln sollte, um es anschließend zu ignorieren. Und von sowas gibt es noch eine Menge anderer Beispiele.

      Was du ansprichst geht ja eher in die Richtung, wieviel Kontrolle man über seinen Körper oder den Fortschritt der Krankheit hat. Das ist nochmal thematisch was anderes für mich. Oder verstehe ich das falsch?

      Ganz liebe Grüße!
      Sabine

      1. Hi Sabine,

        danke für Dein Rückkoppeln.
        Wir liegen m.E. nicht so weit von Einander entfernt. Was mich dazu gebracht hat, empfindlich zu reagieren war tatsächlich, dass da eine Metaebene zum Thema gesunder Körper für mich drin steckt.
        Ich glaube, wir sehen den Begriff body positivity aufgrund unserer Geschichte, Körperstatus und vielleicht auch Erfahrung mit unterschiedlichen Brillen.

        Klar geht es nicht um die Stresspickelchen oder tatsächlichen belastenden Gewichtsthemen, da kann und sollte man den Stressoren auf den Grund gehen und sie beheben. Bei sich und seinem Körper zu sein finde ich wichtig und bin da ganz bei Dir.

        Es gibt jedoch zu viele Menschen, die einen gesunden Körper als Argumentationsgrundlage nutzen und ihn als absolut sehen.
        Bodypositivity-Themen werden bei mir auch in die Kanäle geflutet. Sich schön zu fühlen trotz unveränderbarer Merkmale, die nicht dieser Gesundheitsnorm entsprechen, ist glaube ich ein gutes Motiv. Oft kann man kaum etwas gegen Cellulite/Narben/Behinderung tun und sollte sich dennoch gewertschätzt/angenommen/selbst geliebt fühlen können.

        Dein Post ging für mich auch zu einem Teil in diese Richtung *Möglichst gesunder Körper * – wahrscheinlich reibe ich mich einfach an diesem Begriff. Denn auch ein kranker Körper, in dem Fall mein kranker Körper, ist es wert, jeden Tag *yeah – Du bist gut so* gesagt zu bekommen 🙂
        (sorry für den langen Text)

        Herzliche Grüße,
        Katja

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