Der notwendige Schub(s)

Dankbarkeit. Das ist immer noch das dominierende Gefühl nach der Panchakarma. Sie erstreckt sich auf vieles. Jetzt gerade fühle ich mich so unglaublich dankbar, dass ich diesen Schub mit den massiven kognitiven Störungen im Sommer bekommen habe. Ohne diese krasse Erfahrung hätte ich nicht – zumindest nicht in nächster Zeit – danach geforscht, woraus „ich“ denn eigentlich bestehe. Wer ist dieses „ich“? Verschwindet es etwa, wenn ich meine kognitiven Fähigkeiten verliere? Ne, das klingt nicht richtig.

The only way out is in

Mir wird erst in den letzten Monaten so richtig klar, warum ich plötzlich diesen intensiven Drang verspüre, mich meinem Innen zuzuwenden. Anfang 2017 ging es mir wirklich nicht gut. Vor allem meine depressive Stimmung hat mir sehr zu schaffen gemacht. Einfach alles in meinem Leben fiel mir schwer und da waren so viele Fragen.. sinnlose Fragen. Die Zeit davor und danach waren geprägt von meinen Experimenten, sei es mit der Ernährung, sei es mit verschiedenen alternativen Therapie-Ansätzen oder Sport. Nichts hat mir dauerhafte, grundlegende Zufriedenheit gebracht, nach der ich mich so sehnte. Immer diese Aufs und Abs.

Jetzt habe ich verstanden. Alles, was ich im Leben er-lebe, erlebe ich in mir. Alles wird von meinen Sinnen gesammelt und von meinem Verstand interpretiert. Alles, was ich höre, sehe, fühle, schmecke, rieche. Es gibt nichts, was ich außerhalb von mir wahrnehmen könnte. Selbst wenn mich jemand berührt, fühle ich nicht, wie er mich fühlt, sondern spüre, wie sich seine Berührung bei mir anfühlt. Okay, ich kann also nicht verändern, was genau da draußen passiert, aber ich kann bestimmen, wie es in mir macht. Ich kann selbst bestimmen, wie ich das Leben er-lebe.

Wer bist du?

Seit Deva vor mir saß und mich fragte: „Wer bist du? Du bist nicht der Körper, du bist nicht der Gedanke, du bist nicht die Emotion .. wer bist du?“ bin ich also auf der Reise zu meinem Selbst. Wobei man auch sagen könnte, da gibt es nichts zu reisen, das Selbst ist allgegenwärtig. Aber da das noch so abstrakt ist, nenne ich es eine Reise, denn so fühlt es sich momentan an.

Ich habe damals nicht sofort verstanden, was das heißt.. ich bin nicht der Körper, nicht der Gedanke, nicht die Emotion. Aber mit längerem Nachdenken wurde es klarer und klarer. Nein, ich bin nicht der Körper, denn selbst wenn mir sagen wir mal ein Bein fehlen würde, wäre ich immer noch ich. Ich bin auch nicht der Gedanke, sie kommen und gehen, aber ich bin immer da. Genauso ist das mit den Emotionen. Ich bin die Gleiche, ob ich glücklich oder traurig bin. Und ebenso bleibe ich die Gleiche, wenn meine Kognition schwinden sollte.

Im Grunde sind alles nur Ansammlungen. Der Körper ist eine Ansammlung von Nahrung und der Geist ist eine Ansammlung von Erinnerungen, mal ganz ganz simpel ausgedrückt. Fälschlicherweise glauben wir alle, Körper und Geist wären unser „ich“ und identifizieren uns damit. Und genau das ist der springende Punkt, denn das ist eine Illusion. Angestoßen durch Deva und verklarheitet durch die Panchakarma möchte ich genau diese falsche Identifikation loslassen und mein wahres Selbst erkennen.

Das ist mein übrigens Ziel auf den Punkt gebracht – was ich vor ein paar Monaten in diesem Text schon ausdrücken wollte, wo mir aber tatsächlich noch die nötige Klarheit gefehlt hat, um dieses in Worte zu fassen.

Warum ist das so erstrebenswert? Ganz einfach. Durch die falsche Identifikation entsteht diese ganze Unzufriedenheit im Leben, diese ganzen negativen Emotionen, Stress und was auch immer alles man nicht haben möchte. Das ist alles nicht echt. Jeder kennt den Spruch „Wir machen uns den Stress alle selbst.“ Ja, so ist es. Zu einhundertprozent.

Das reine Bewusstsein, das unserer Existenz zugrunde liegt, ist friedvoll und glücklich aus sich heraus. Es braucht keine erfolgreiche Firma oder zehntausend Follower auf Instagram. Es braucht keinen sicheren Job, keinen Traummann und keinen Sechser im Lotto.

Was be-leidigt dich?

Ich habe mal irgendwo gelesen, wie man seine eigenen Anhaftungen herausfinden kann: Reflektiere, was dich so richtig auf die Palme bringt. Oder was dich traurig macht. Was dich be-leidigt, also mit was dir andere Leid zufügen.

Im Mai hatte ich dazu ein sehr transformierendes Erlebnis: Zum Ayurvedischen Brunch in Pronstorf hatte ich für alle Gäste zum Ausprobieren meine FairyWings mitgebracht. Ich will die Geschichte gar nicht unnötig aufblasen, das Ende vom Lied war, dass sie jemand anders kaputt gespielt hat. Ich hatte das aus einiger Entfernung beobachtet und war gelähmt vor Wut und Traurigkeit, weil es in meinen Augen sehr rücksichtslos und gewaltvoll vonstatten ging. Deva bemerkte das, nahm mich zur Seite und forderte mich auf, meiner Wut ins Auge zu schauen.

Und dann sah ich es. Diese große Anhaftung an materielle Dinge, vor allem an Sachen, die ich mir mühselig erspart habe. Diese Verlustangst. Wie oft ich wütend oder traurig geworden bin, wenn mein Mann zum Beispiel ausversehen eine meiner Lieblingstassen zerdepperte. Oder ich mir ein Loch in die neue Klamotte gerissen habe. Und und und.

Und es machte puff. Und all das verschwand. Seitdem kann ich mich einfach nur schlapp lachen, wenn mir mal wieder ausversehen das Handy ins Klo fällt (Instagram-Story-Gucker wissen mehr). Alle materiellen Dinge dieser Welt sind vergänglich. Nichts Gutes kann davon kommen, ihnen hinterherzuhängen. Und das tue ich nicht mehr. Eine winzige Stellschraube, die vieles unbeschwerter gemacht hat.

So ist das mit falschen Identifikationen. Macht es puff und sie lösen sich auf, dann merkt man erst, wie schwer der Stein war, der einen die ganze Zeit heruntergezogen hat.

Ein Prozess

Wir lernen in unserer Gesellschaft nichts von diesen Dingen. Wir wachsen auf in dem Glauben, das „Ich“ sei unser Körper und unser Verstand. Natürlich ist jetzt nicht einfach mit ein bißchen Om und ein bißchen Meditation alles losgelassen. Es ist ein Prozess. Aber es ist dieser Prozess, der bei mir gerade in einem manchmal atemberaubenden Tempo losgetreten ist und so unglaublich schöne Blüten hervorbringt, dass ich nicht stehen bleiben kann und will.

Und ich sage: Danke, liebe MS – oder wem auch immer .. Karma! Der Schub war so notwendig. Hart, aber genau richtig. Schon wieder hat genau das meinem Leben einen wundervollen Schubs versetzt.

11 thoughts on “Der notwendige Schub(s)

  1. Das ist ein wunderbarer Text! Vielleicht interessiert dich dazu das Buch „Leben wie ein Fluss“ von Bodhipaksa. Leider gibt es das nur noch als ebook, aber ich empfehle es dir wärmstens, weil es soooo gut zu deinen Gedanken passt – und eigentlich sogar noch ein Stück weitergeht…
    Alles Liebe für dich!

    1. Danke, liebe Astrid, für den Buchtipp 💙 E-Book ist kein Problem 🙂
      Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass meine Gedanken noch viel viel weiter gehen, ich wollte den Blogtext nur nicht zu ausschweifend und endlos machen. Ich beschäftige mich derzeit mit diversen Mystikern, Philosophien & Schriften dazu.. von daher: prima, dass das Buch noch weitergeht. Freu mich drauf!
      Alles Liebe auch für dich ✨

  2. Wunderschön beschrieben. 🙂
    Ein bisschen erinnert mich das an die Sichtweise die Eckhart Tolle, in seinen Büchern beschreibt. Der sich allerdings auf unterschiedliche spirituelle Lehren bezieht. Das Ich ist eine Illusion. Jeder Gedanke, jedes Gefühl, ist eine Illusion. Ich habe das Buch nach der Hälfte zur Seite legen müssen, weil es teilweise skurill und kontrovers ist zu dem, wie „wir“ sonst so über unser Leben denken. Und mit allem bin ich nicht ganz einverstanden oder ich verstehe es einfach noch nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass da ganz viel heilendes Potenzial in diesen Perspektiven steckt, auch wie du sie einnimmst. Und vieles versteht man wahrscheinlich auch erst, wenn man es selbst erlebt, so wie du es durch das Panchakarma jetzt verstehst.
    Du hast in einem der letzten Beiträge geschrieben, dass du auch viel gelesen hast. Kannst du Bücher empfehlen?

    1. Liebe Mia, ja, so ist es. Es ist tatsächlich notwendig, in die Selbsterfahrung zu gehen. Sonst wird man mit unserer westlichen Erziehung und Sozialisierung nur schwer Zugang zu dem Ganzen gewinnen. Ich selbst hätte damit auch vor sechs Monaten noch überhaupt nichts anfangen können, hätte Deva mich nicht mit in die Meditation genommen. Und meiner Meinung nach braucht es wirklich den richtigen Lehrer gerade zu Beginn.. es scheuen sich so viele, in der Gruppe zu meditieren, aber das bringt einen meist erstmal weiter, als allein im Kämmerlein 😊 mein Plan vom Workshop hier in Hamburg steht immer noch, vielleicht magst du da ja mal kommen.
      Wenn dir Eckhart Tolle zu doll ist, kann ich dir empfehlen, dich mal mit Sadhguru dem Thema anzunähern. Er kommt aus der Yoga-Philosopie. Schau dir mal auf YouTube was an. Er hat auch zwei Bücher geschrieben.
      Liebe Grüße ✨

      1. Liebe Sabine, gerade sitze ich in der Bahn mit einem Buch von Sadhguru in der Hand 😀
        Ist das der Workshop in Pronstorf oder ein anderer/neuer in Hamburg?

        1. Haha, echt? Durch Zufall?
          Es steht noch nicht fest, WO ich den Workshop mache.. er wird aber dann irgendwo im Hamburger Raum stattfinden 🙂

          1. Achso, nein kein Zufall 😀 stimmt, mein Satz hörte sich so an…
            Auf dem Weg zu einer Buchhandlung, um ein Geschenk für jemanden zu kaufen, las ich deine Antwort. Das war wiederum ein Zufall 😉 und so machte ich Ausschau nach Sadhguru.
            Er beschreibt alles aus einer viel weitreichenderen Perspektive, als zB. Eckhart Tolle. Tolle blieb oberflächlich und wiederholte sich. Sadhguru geht anders an das Thema ran, zumindest was ich nun nach den ersten Seiten beurteilen kann. Danke für den Tipp!

  3. Hallo Sabine,

    ich freue mich für Dich, dass Du einen Weg für dich gefunden hast. Komme erst jetzt dazu zu kommentieren.

    Ganz ehrlich ein bisschen beneide ich dich du hast ihn noch früh genug gefunden den Weg. Ich musste erst Ü 50 werden um ihn zu finden. Aber es ist trotzdem noch ein Prozess. Vorallem wenn man noch zwei Kinder hat wo nicht alles nach Buch nullachtfünfzig läuft und die Sorgen dich plagen.

    Ich bin selber noch geflascht von dem Wochende mit dem Chinesischen ZhinengQiGong Lehrer. Muss das alles noch verarbeiten.

    Ganz oft wünsch ich mir ein Raum eiin Tisch ein Stuh einl leichtes Licht etwas einfaches zu essen ein Buch schöne Musik und sonst nichts.
    Mehr Einfachheit und weniger Müssenmachenhabenmüssen.

    LG
    Ursula

    1. Hi liebe Ursula,
      ja, ich verstehe den Gedanken.. ich habe auch während der Panchakarma ganz simpel gelebt und das als sehr erleichternd empfunden. Aber weißt du, am Ende macht alles die innere Haltung. Auch mit ganz viel drumherum kann man simpel und bescheiden leben. Auch ich übe mich darin. Es ist ein Stück Arbeit, aber es funktioniert!
      Viele liebe Grüße 🌸

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