Dieses kuschelige alte Leben

Es passiert in der dritten Nacht bei Kai und Deva. Ich liege nach einer intensiven Abendmeditation in meinem kuscheligen Bett, als ich plötzlich (zu fast schon gewohnter Zeit) um halb drei aufwache. In meinem Kopf klingt ein Medizin-Mantra nach, was ich vor dem Schlafengehen noch gehört hatte.

Ich bleibe eine Weile liegen und fühle in meinen Körper hinein. Und bemerke ein deutliches, aber in gewisser Weise angenehmes Ziehen in meinem Kiefer. Wie eine Spastik, eine Verspannung, die sich nach langer Zeit gelöst hat. Mein Unterkiefer fühlt sich anders an. So.. ausgerichtet.

Jetzt muss ich den Test machen, lege meine Finger auf das Unterkiefergelenk und klappe den Mund auf und zu. Ja wirklich. Meine Fehlstellung ist viel viel kleiner geworden. Der Kiefer schert nicht wie schon seit Jahren nach rechts aus bei Kaubewegung.

Dann habe ich mir das also doch nicht eingebildet. Denn beim Summen hatte es am Vortag so einen bestimmten Moment gegeben, bei dem sich mein Summen verändert hat. Wie ein Plopp. Seit dem habe ich schon das Gefühl, dass mein Summen sanfter, entspannter klingt. Dass die Energie eine andere ist, die jetzt beim Summen fließt.

Es ist erstaunlich, dass nach einer so kurzen Zeit, mein Kiefer mir schon das erste kleine Erfolgserlebnis des regelmäßigen Summens beschert.

Eineinhalb Wochen später. Mit dem mittlerweile altbekannten Ziehen im Kiefer wache ich auf. Ich bin seit einem Tag zurück bei Human Posture, um meine Reise fortzusetzen. Innerhalb der knapp zehn Tage zuhause in der Stadt hat sich wieder etwas Kieferspannung angesammelt, die sich nun wiederum anfängt zu lösen.

Veränderung. Ist so verdammt hart. Und manchmal macht sie einfach verdammt Angst. Deva gab mir vor Wochen ganz zu Beginn bei der allerersten Einölung mit auf den Weg: Es erfordert Mut, auf diese Reise zu sich selbst zu gehen. Pah – habe ich gedacht, kein Problem, ich bin mutig. Ich bin damals auch für meinen Film mit einer frischen MS-Diagnose durch Deutschland gereist und habe mich mit allen möglichen Stadien der Krankheit konfrontiert.

Und jetzt? Bin ich mir nicht mehr so sicher, wie mutig ich wirklich bin. Jetzt hat meine Zeit hier Prozesse in Gang gebracht, die ich in so kurzer Zeit niemals für möglich gehalten hätte. Blickwinkel-Veränderungen, die das Leben so leicht und spielerisch werden lassen. Ich habe so tiefes Glück, Freude und Liebe gespürt, wie schon lange nicht mehr oder vielleicht sogar noch nie.

Aber ich liege auch ab und zu da und habe einfach nur eine Scheiß-Angst. Vor dem, was ich in mir vorfinden werde. Vor dem, was das für meinen Alltag bedeutet. Ja, jetzt checke ich, dass man wirklich so richtig Mut braucht.

Mut zu erkennen, warum du diese oder jene Handlungsmuster entwickelt hast. Mut, deinen Alltag radikal durcheinander zu schmeißen und dich ins Chaos zu stürzen. Mut, dich zu fragen, ob du wirklich glücklich bist, mit deinem Job, deiner Beziehung. Mut hinzuschauen, in deine Kindheit zu gehen, lang weggesperrte Themen zu bearbeiten. Mut, alles zu hinterfragen und am Ende vielleicht eine Antwort in dir zu finden, die dir nicht gefällt.

Manchmal beobachte ich Momente, in denen ich am liebsten einfach alles sein lassen würde. Einfach alles hinschmeißen und zurückkehren zu meinem „alten Leben“. Nachtschichten schieben, wenn die Arbeit es verlangt, Schlafen so lange ich will, keine Einölung, keine Meditation. Abends wieder mit dem Fernseher einschlafen, bis in die Puppen Serien gucken. Meinen Mann anpflaumen, wenn ich Bock drauf hab. Zurück zu meinem „gesunden“ eingespielten Clean Eating, abends wieder mit meinem Mann zum Sport gehen und danach um 20.00 Uhr erst kochen und essen. Eine eisgekühlte Apfelschorle trinken.

Es wäre so einfach. So bequem und so kuschelig.

Und gleichzeitig merke ich – wenn ich nur darüber nachdenke – dass ich meine Zähne aufeinander presse und Spannung im Kiefer ansammele.

Nein, ich will nicht zurück. Ich weiß, dass mich mein Mind austricksen will. Ich spüre doch, wie gut all die Veränderungen meinem Körper tun. Wie mich die Abhyanga erdet und entspannt oder eben auch Energie für den Tage spendet, je nach dem, wie und wann man sie macht. Diese Glücksblubber, diese Schmetterlinge im Bauch, diese Liebe, die ich vor allem meinem Mann gegenüber momentan spüre – das ist alles so wunderschön. Diese Tage, an denen das Leben so leicht ist wie damals, als man noch Kind war. Und mein Verdauungssystem ist so ruhig und zufrieden momentan.

Glücksblubber hin oder her, diese Prozesse sind einfach anstrengend. Wirkliche Veränderung ist anstrengend. Meditation bedeutet nicht friedliches Trallala und Entspannung. Nach Wurzeln zu graben ist harte Arbeit.

Aber es ist ein nachhaltiger Weg, ein wirklich glückliches Leben zu führen. Und nicht immer von Phase zu Phase zu stolpern. Ich habe schon so oft darüber geschrieben, dass ich so viele verschiedene Phasen habe. Und ja, das sei normal, haben viele mir beigepflichtet. Und ich habe das akzeptiert: Es gibt eben gute und schlechte Phasen.

Ja, na klar gibt es Hochs und Tiefs. Berge und Täler. Aber man kann sie wesentlich entspannter hinter sich bringen, lerne ich gerade. Und sie bekommen eine völlig neue Qualität, wenn man seine Einstellung dazu verändert. Wenn man nicht wegschaut und „akzeptiert“. Sondern hinschaut, beobachtet, was mir mein Körper in solchen Phasen denn wirklich sagen möchte. Und nicht immer gleich alles bewertet und sich in eine Opferrolle fallen lässt. Es geht alles viel tiefer als „Ich habe momentan zu viel Stress!“ oder „Ich ernähre mich momentan nicht gut.“

Dort habe ich bisher immer aufgehört zu hinterfragen. Es ist ja so einfach. In Fatigue-Phasen war es meistens bisher der Fall, dass ich zu viel gearbeitet hatte die Wochen zuvor. Was macht das fleißige Binchen also? Es reduziert die Arbeit für die Zeit der Fatigue. Sobald diese Phase dann vorbei ist, kann es dann ja weitermachen – yeah, und ist auch noch stolz drauf, dass es die MS überlistet hat! Kein Wunder, dass diese Phasen immer wieder kommen. Denn eine Veränderung auf Zeit und ein Nicht-Auseinandersetzen mit der Wurzel dieser ständigen Überlastung ist das Gegenteil von nachhaltig.

Veränderung. Wirkliche Veränderung, Transformation. Ein Pfad mit dunklen und hellen Passagen. Mit Wegen über weite blühende Felder und durch dichtes dorniges Gestrüpp. Mit einem Himmel, der manchmal schwarz und düster, manchmal sonnig und wolkenlos ist. Für mich bricht gerade wie ein völlig neues Leben an. Und die kleine graue Wolke bekommt ein neue Bedeutung.

5 thoughts on “Dieses kuschelige alte Leben

  1. Hi Sabine!
    Ich kenne dieses Gefühl … diesen Mut zur Veränderung aufzubringen ist garnicht so einfach. Ich habe mich selber auch immer versucht zu überlisten was die Fatigue angeht. Ging auch nach der Diagnose 2-3 Jahre gut nachdem ich ein Homeoffice bekommen habe und meine 40+ – Woche nach meiner Fatigue gestalten durfte.
    Ja und dann habe ich nur noch gearbeitet und hatte keine Energie mehr für Freizeit oder Haushalt/Kochen übrig.
    Irgenwann fragte mein Neurologe mich, wie ich meine Lebensqualität einschätzen würde …. ja bei null. Arbeiten und Schlafen kann man ja nicht als Lebensqualität bezeichnen.
    Und so habe ich die für mich schwere Entscheidung getroffen die Teil-EU-Rente zu beantragen …. und es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte! Mittlerweile frag ich mich, sie ich es die Jahre davor geschafft habe.
    Ich wünsche dir für deinen Weg viel Mut zur Veränderung 💪🏼
    Liebe Grüße Bibi 🙋🏼

    1. Ach ja … und das mit dem Kiefer hab ich auch!!! Der signalisiert mir sofort, wenn mein Körper was nicht leiden kann!

  2. Liebe Sabine, ich finde es toll, wie du wie du in deinem Leben aufräumst! Das ist sicher nicht einfach, denn man verfällt immer wieder in die alten Schemata, weil es ja immer so funktionierte. Bis auf jetzt. Aber du stellst ja schon erste Erfolge fest. Also bleib dabei! Es kann nur *noch* besser werden!
    Ich drücke dir ganz fest die Daumen 🙂 LG, Susi

  3. Liebe Sabine, das mit dem Kiefer hatte ich die letzten Wochen im Schub auch. Krass!
    Du spricht mir aus der Seele. Hab die letzten Jahre immer bis zur Krankschreibung geackert und dann gelitten und dann wieder geackert etc… Und gegen mich und die MS gekämpft. So langsam bin ich freundlich(er) zu mir und der MS, auch Dank Meditation, meiner Familie, guten Freunden, weniger Arbeit und mehr Ruhe. Und dadurch, die eigene Wertschätzung nicht mehr an der (Vollzeit)Arbeit festzumachen. Ein langer Weg, der auch noch andauern wird, mit Höhen und Tiefen. Danke fuer Deinen Blog! Liebe Grüße!!!

  4. Liebe Sabine,

    Erst einmal möchte ich dir von Herzen DANKE sagen! Und zwar danke dafür, dass du uns an deiner Reise, deinem Weg teilhaben lässt! Ich freue mich sehr für dich und ziehe meinen Hut, dass du so konsequent dabei bleibst! Bin gespannt was du weiter berichtest und wünsche dir noch ganz viele weitere „Glücksblubber“
    Ich für meinen Teil bin dann immer noch der Phasenhüpfer *lach*

    Viele liebe Grüßle
    Melanie

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