Happily ever after?

Es ist 01:02 Uhr. Vor eineinhalb Stunden saß ich hier, etwas unentschlossen, ob ich mich eine Etage höher ins Bett hieve oder doch lieber noch ein wenig auf dem Sofa vor mich hindöse. Der Fernseher brabbelt monoton, mir fallen die Augen zu.

Im Halbschlaf höre ich dem laufenden Interview zu. Eine Frauenstimme erzählt .. „Die Medikamente, die ich bekomme, die schieben ja  praktisch den Verlauf nach hinten weg.“ Kommt mir irgendwie bekannt vor. Worum geht es hier? Es läuft die Dokumentation „Leben, Lieben, Vergessen. Alzheimer mit 40.“ Mh. Zu so einer Uhrzeit so ein schweres Thema mit den altbekannten Parallelen zum eigenen Leben. Puhh. Aber ich bin dran geblieben.

Und jetzt, eineinhalb Stunden später bin ich einfach nur wütend. Wär ich mal ins Bett gegangen. Ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal aufgrund des Inhalts einer Doku so wütend geworden bin.

Vor ein paar Tagen habe ich ihn nur im Nebensatz erwähnt. Den Königsweg. Den Umgang meines Verlobten mit der MS. Der Umgang des Partners mit einer unheilbaren Krankheit. Jetzt ist es ungewollt Thema geworden. Aber von vorn:

Eine Mutter bekommt mit 42 Alzheimer diagnostiziert. Eine sehr frühe Form. Sie, ihr Mann und ihr Sohn werden über drei Jahre begleitet. Während des ganzen Films hat mich der rasante Verfall ihrerselbst mit voller Wucht getroffen. In meinem Hinterstübchen wirbelten die alten MS-Zukunftssorgen herum. Urplötzlich war wieder alles vom Anfang der Krankheit so präsent. Die Angst vor dem eigenen Verfall, schon jung zum Pflegefall zu werden, sein gewohntes Leben verlassen zu müssen. Ich hab so sehr mit dieser jungen Mutter gelitten.

So weit, so gut. Diese Tatsache macht die Doku für mich ergreifend, spricht also eher für sie.

Im Verlaufe des Films verlagert sich dann alles ziemlich bald auf den Ehemann und das Umfeld der Frau. Der Junge im Teenager-Alter rutscht in der Schule ab und verschanzt sich vor seiner Mutter. Eine verständliche Reaktion. Auch bis hierher alles in Ordnung.

Der Ehemann .. ja, der Ehemann macht große Versprechen. Er wird alles tun für seine Frau, sagt er.

Für alles folgende sei gesagt: Ich weiß, wie sehr man mit den richtigen (und falschen) Bildern einen Film in gewisse Richtungen lenken kann und ich weiß, dass vieles weggelassen wird und dass man sich kein wirkliches Urteil darüber erlauben kann, was wirklich alles noch in dieser Familie abgelaufen ist. Ich beziehe mich also auf das im Film Gesehene.

Alles, was ich von dem Ehemann gesehen habe, ist, dass er ein Heim nach dem anderen für seine Frau gesucht hat, als ihm die Pflege zuhause über den Kopf gewachsen ist. Die Wut und Depression seiner Frau nimmt ihn sehr mit. Auch dafür: vollstes Verständnis. Im Laufe der Doku beginnt er dann ein Verhältnis mit der besten Freundin seiner Frau, die zu der Zeit nach einem Selbstmordversuch in einer psychatrischen Anstalt ist. Wow. Ab da ging es bergab mit der Ehemann-Sympathie und dem Mitgefühl.

Sicherlich, ich hab nie einen Menschen gepflegt und dessen Verfall mitgekriegt. Das muss sehr schlimm sein. Aber: ich komme von der anderen Seite. ICH BIN DER VERFALLENDE MENSCH. Mir war gar nicht klar, wieviele Parallelen es zwischen Alzheimer und MS gibt.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man im Konzentrationstest vor dem Arzt sitzt und einem die einfachsten Worte nicht einfallen, obwohl man sie eine Minute vorher gehört hat. Wenn man merkt, dass die Leistungsfähigkeit nachlässt.

Ich weiß, wie es ist, ziellos in der Wohnung umherzuirren, weil man sich nicht erinnern kann, was man zuerst und was zuletzt machen wollte und wo man die simpelsten Dinge abgelegt hat.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man so rasend wütend auf sich selbst ist, dass man sich am liebsten sehr doll weh tun möchte, nur um für einen Augenblick den Schmerz zu spüren.

Ich weiß, in welch graue Welt man abdriftet, wenn man keinen einzigen Tropfen Freude mehr in sich fühlt.

Aber ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn man trotz dieser ganzen Sachen, trotz seiner eigenen unfairen Aggressionen, trotz tausender Heulkrämpfe und trotz wirrem Gebrabbel einfach kompromisslos geliebt wird. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn da jemand ist, der immer da ist, no matter what. Und wie man dadurch selbst wieder zum Leben erweckt wird. Es macht mich jedes Mal ein Stückchen heiler diesen einen Mensch zu haben.

Und ich bin so wütend, dass dieser Mann seine Frau in so kurzer Zeit aufgegeben hat. Ich hätte es verstehen können, wenn er es nach sieben oder zehn Jahren getan hätte. Aber nach drei? Nach drei Jahren? Und dann beginnt er heimlich ein Verhältnis mit der besten Freundin seiner Frau? Während diese mehr und mehr aus der realen Welt abdriftet. Und dann wird er am Ende der Doku so dargestellt, als ob er wirklich alles getan hätte?

Egal, was er gemacht hat, immer war die beste Freundin (also seine Geliebte) dabei, immer war der gleiche Arzt involviert. Ich hab da nie auch nur einen Hauch von Kreativität oder Motivation gesehen, auch mal unkonventionelle Wege zu gehen. Warum war nie der Wunsch da, das Leben seiner Frau so schön wie möglich zu machen, anstatt sie ausschließlich und krampfhaft zu versuchen von einer unheilbaren Krankheit zu heilen und jedes Mal bei einem Misserfolg darüber zu verzweifeln. Im Umgang mit seiner Frau hat man als Außenstehender schnell das Gefühl gehabt, dass er selbst keine Hoffnung in sich trägt. Ich glaube, dass seine Frau das früh gespürt hat.

Es ist schlimm genug, dass dieser Mann so gehandelt hat, wie ich es mir in meinem schlimmsten Albträumen vorstelle. Aber dass er dann von den Filmemachern auch noch als Held dargestellt wird, entzieht sich vollends meinem Verständnis. Dieser letzte Satz war der wahre Schlag in die Magengrube: „Du, sage ich ihm (der Redakteur spricht zu dem Mann), du hast alles getan, was dir als Vater und Ehemann möglich war.“ Das soll ALLES gewesen sein?

Urplötzlich, an einem Novemberabend, der schon fast vorüber war, bin ich konfrontiert mit der einzigen Angst, der ich mich in „Kleine graue Wolke“ nicht stellen konnte. Dass der liebste Mensch in meinem Leben mich verlässt, weil er es nicht mehr bei mir aushält. Dass er mich aufgibt.

Ich hab schon lange nicht mehr so doll weinen müssen.

Mein Verlobter sitzt neben mir und ist ebenso wütend auf diesen Ehemann. Er sagt in seiner kroatischen Heimat würde man nie die Kranken und Alten in irgendwelche Heime abschieben, so wie hier in Deutschland. Es ist eine knallharte Geschichte aus dem Leben. Ja, das ist etwas Gutes, sie zeigt ungeschönte Wirklichkeit. Und vielleicht wollte der Redakteur zum Schluss dann einen positiven Turn-Around schaffen. Bei mir hat es nicht geklappt. Denn das war geschönt. Ich glaube ihm kein Wort.

Ich weiß, dass es gerade auch mit MS nicht selbstverständlich ist, dass sich der Partner auf das neue Leben einstellt. Verdammtes Glück hab ich da. Von Herzen wünsche ich allen, die bis hierher gelesen haben, dass sie auch so Jemanden finden oder bereits gefunden haben. Das ist so unendlich mehr Wert als ein neues Medikament.

Stjepan, ich liebe dich!

 

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