Kaputt but happy

Es ist merkwürdig, manchmal klammere ich bestimmte Bereiche meines Alltags auf dem Blog komplett aus, weil ich mir etwas abgehoben vorkomme, darüber zu schreiben. Aber weil es mein Leben im letzten halben Jahr schon sehr geprägt und verändert hat, muss es heute raus.

Wer meinen Instagram-Stories folgt, dem sollte schon aufgefallen sein, dass meine Sportsucht eine völlig neue Dimension erreicht hat. Früher war ich ja schon mit einem Mal Volleyball-Training in der Woche und ein wenig Yoga vollkommen happy und ausgefüllt. Tja, diese Zeiten sind seit Sommer letzten Jahres vorbei 😅

Ich kann gar nicht mehr so richtig sagen, wie das alles gekommen ist, aber mittlerweile fühle ich mich definitiv nicht mehr wohl, wenn ich mich nur einmal die Woche auspowern kann. „Luxussorgen!“ denken sich einige von euch jetzt bestimmt. Hätte mir jemand vor einem Jahr erzählt, dass ich jetzt dreimal die Woche Krafttraining plus zusätzlich Intervall- und Tanz-Workouts mache und das Yoga „nur noch“ als Übungen für die morgendliche Beweglichkeit und den ausgeglichenen Start in den Tag nutze, hätte ich nur mit den Augen gerollt und den Mittelfinger gezeigt. Wahrscheinlich.

Im Frühjahr 2016 habe ich Birgit kennengelernt. Für einen „Tausend Gesichter“-Dreh hat es uns damals in das südliche Passau verschlagen. Birgit und ich haben uns nicht nur auf Anhieb verstanden, als ob wir jahrelange Freundinnen gewesen sind. Birgit hat mich einfach total beeindruckt, mit welch Pragmatismus und gleichzeitigem Ehrgeiz sie sich ihre Unabhängigkeit erkämpft. Alles durch ihren Umgang mit der MS. Durch die Konfrontation mit Vorurteilen und Tabus. Durch körperliche Schwächen. Sie nimmt uns damals mit in Fitnessstudio und erzählt mir ein wenig über den Effekt, den das Krafttraining auf ihre Psyche hat.

Es hat nicht sofort Klick bei mir gemacht. Mit Muckibude habe ich eigentlich eher Negatives verbunden, da zog mich nicht viel hin. Bisher war ich eher so Typ Mannschaftssportler oder Kurs-Besucher. Zwischen halbstarken Proleten und aufgedonnerten Schicksen herumzuschwitzen kam mir nicht wirklich motivierend vor.

Achja – ein Hoch auf meine Vorurteile. Seufz. Als mein Mann dann im Sommer auch Ambitionen äußerte, in Bewegung kommen zu wollen, haben wir uns beide ein Herz gefasst und bei uns im Stadtteil in ein ganz kleines Studio angeschaut. Und dann hat es Klick gemacht.

Seit dem mache ich Krafttraining. Und damit starten auch drei neue Dimensionen an 1.) körperlicher Fitness, 2.) mentaler Fitness und 3.) Alltagsorganisation. Allein drei Trainingseinheiten á 90 Minuten im Studio in unseren 40-Stunden Wochen unterzubringen, alles im Einklang mit der cleanen Ernährung, heißt frisch kochen jeden Tag, das war eine Herausforderung für sich. Interessanterweise haben wir gefühlt Zeit gewonnen, so dass ich jetzt wesentlich mehr mache und schaffe als vorher und auch mehr von meiner Freizeit habe. Verrückt!

Und was sagt die MS dazu? Sie ist stiller geworden. Es gibt jetzt nicht mehr so viele Tage, an denen ich ein bißchen MS habe. Entweder richtig oder gar nicht. Entweder Fatigue so richtig, wie in der Phase im Januar. Oder Schmerzen in den Beinen, wie in der Winterkälte, dass ich mich kaum bewegen mag. Oder eben gar nichts. Deswegen schrieb ich auch in meinem letzten Post, dass ich mich so fit fühle, wie noch nie. Ehrlich.

Vor ein paar Wochen habe ich mit einem DeepWork Kurs begonnen, der mich einmal die Woche so richtig hart an meine Grenzen bringt. Herrlich. Wie ich das liebe. Das ist wie ein Pakt, den mein Körper und mein Geist eingehen. Komm, wir packen das, auch mit MS! Wir sind stark genug!

Das ist bestimmt auch gefährlich. Nicht nur aus der Sicht, dass ich mich körperlich überfordere. Sondern vor allem hinsichtlich dessen, dass die Gefahr besteht, mich mental zu sehr daran zu klammern, dass ich zum Wohlfühlen diese körperliche Fitness brauche. Ich kann nicht sagen, wie nah ich an diesem Punkt bin.

Aber ganz ehrlich, darüber kann ich mir Gedanken machen, wenn sich an der jetzigen Situation etwas ändert. Momentan genieße ich erstmal den Status Quo. So. Richtig.

Achja und bald fange ich nochmal was ganz Neues an. Eine weitere Dimension. Und dabei werde ich euch mitnehmen. Aber dazu zu gegebenem Zeitpunkt mehr ✨

4 thoughts on “Kaputt but happy

  1. Beneidenswert! Ich wollte ich könnte auch mal ins Fitnessstudio gehen, aber bei mir liegt das Problem schon darin, dass ich mich allein gar nicht aus dem Haus traue 🙁 Meine Glücksmomente habe ich, wenn die Sonne scheint, und ich meine 30 Minuten auf dem Fahrradergometer an einem geschafft habe. Oder wenn ich mich an den Briefasten traune, womit ich zeitweise Probleme hatte, dabei liegt er nur 2 Meter von meiner Wohnungstür entfernt. Wenn ich es geschafft habe, meinen Müll auszuleeren, oder meine Wäsche selbst in die Waschküche gebracht habe… Ich wäre froh, wenn Fatigue mein größtes Problem wäre, aber bei mir sind es die Ängste!!e Und die Gehprobleme, die seit 2014 immer schlimmer geworden sind. Fatigue habe ich dagegen überhaupt nicht. Ich bin immer putzmunter und voller Pläne, die ich dann aber nicht umsetzen kann, weil mein Körper sich gegen mich verschworen hat.
    Aber jeder ist mit seinen eigenen Symptomen gestraft, und ich würde niemals sagen, dass du Glück hast, dass du die Fatigue hast, die ich selber überhaupt nicht kenne, also auch nicht beurteilen kann. Sicher gibt es bei Fatigue bessere Therapien, als bei meinen Ängsten. Letztes Jahr im Mai war ich einer Reha-Klinik, die auch Ängste behandelt, aber es hat mir überhaupt nichs gebracht, außer dass ich mich gegen die Lemtada-Behandlung entschied und daraufhin ein schlechtes Gewissen bekam, obwohl ich überzeugt bin, dass mir Lemtrada nicht bekommen wäre. Man kann einfach nicht wissen, was für einen gut ist, aber ich habe extrem gute Erfahrungen mit der Therapie mit hochdosiertem Vitamin D3 gemacht 🙂 Ist nur die Frage, wie lange ich das machen kann, denn ich will mich ja nicht überdosieren. Und dann brauche ich eine Psychotherapie, KG mache ich seit März endlich wieder! Und das tut mir auch super gut! Wenn ich bloß endlich wieder die 500 m zur Praxis alleine gehen könnte… Wenn ich endlich wieder allein einkaufen gehen könnte! So viele Dinge die bis 2015 noch funktionierten, und dann war es auf einmal aus 🙁 Ostern 2015 war wie eine Zäsur. Davor konnte ich auch noch im Tierheim helfen, jetzt schaffe ich es nicht einmal mehr allein dort hin 🙁
    Jeder hat sein eigenes Schicksal, und jedes ist auf seine Weise schwer. MS ist nicht umsonst die Krankheit mit den 1000 Gesichtern. Sabine, höre auf deinen Körper, der weiß wahrscheinlich am besten, was für ihn gut ist, und was nicht. Und dass etwas auf einmal ganz anders ist, muss dich nicht zu rechtfertigungen zwingen, denn MS ist eine sehr launische Krankheit, mit der man absolut nicht planen kann.
    Liebe Grüße von Susi

  2. Mensch, das hört sich ja gut an! Ich habe das e-gym für mich entdeckt. Das tut mir gut. Yoga habe ich seit über 20 Jahren gemacht und diese Beweglichkeit hilft mir sehr. Jetzt wollte ich noch meine Muskeln aufbauen und dann mach ich wieder beides. Man braucht was für Körper Geist und Seele. Von jedem etwas, um die Zufriedenheit zu erreichen. Das ist mein Plan. Grüße, Katja

  3. Hi Sabine, ich ging heute morgen gleich nach dem Frühstück ins Fitness-Studio, weil ich unbedingt das Spinning (Cycling) ausprobieren wollte. Ich freute mich schon die ganzen Tage darauf, weil ich es terminlich endlich mal hinbekommen habe. Aber als ich mich auf dem Stepper aufwärmte, merkte ich erst, wie schwer meine Beine heute sind und wie kaputt ich doch eigentlich vom anstrengenden Vortag war. Mein Körper zog vom feisnten die Handbremse an.
    Ich hatte noch 10 Minuten Zeit mir zu überlegen, ob ich diese Handbremse übergehe und den Turbo-Gang einstelle, was ich früher oft machte, oder ob ich es lieber lasse und heute langsam mache. Es ist mir nicht leicht gefallen, weil ich mich so drauf gefreut hatte, aber die Vernunft siegte und ich habe es sein lassen. Aber nur, weil ich mittlerweile weiß, was passiert, wenn ich ständig über meine Grenzen hinweg gehe.
    Was ich sagen will, es ist gar nicht so einfach, „entspannt“ Sport zu machen, sich fordern aber nicht kaputt machen, seine Grenzen austesten aber nicht ständig überschreiten… aber ich glaube, du machst das schon. 😉

  4. Hallo Sabine,
    ich mag deinen Kleine Wolke-Film sehr. Er hat mich sehr berührt. Damit kann man Nicht-Kranken einiges besser vermitteln. Zum Sport: Ich liebe es zu schwimmen. Dabei kann ich mich auspowern und heize nicht zu stark auf. Ich habe einen Bericht zu Intervalltraining gelesen. Das muss sehr effektiv sein um die Kognition zu fördern. Eine Schweizer Klinik setzt das bereits ein.
    Ein toller Blog! Vielen Dank dafür😊 Es macht Mut, dass viele andere tolle Frauen MS haben und ihr Bestes dagegen tun. Herzliche Grüße Andrea

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