Kuschelmonster & Kratzbürste

Winterzeit ist Fatigue-Zeit! Geht euch das auch so? Sobald die Tage eine Weile kurz sind – also eigentlich immer gegen Ende Januar / Anfang Februar – stellt sich bei mir eine Phase der Fatigue ein. Auch wenn ich euch an dieser Stelle keinen Link zu einer schlauen Studie dazu poste, ist für mich persönlich der Zusammenhang ziemlich offensichtlich: Mir fehlt die Sonne. Vitamin D – Jetzt!

In den letzten Wochen habe ich mich beruflich sehr intensiv mit der Fatigue-Erfahrung anderer auseinandergesetzt und was ich dabei spannend fand herauszufinden, dass einige MS-ler ebenfalls wie ich die Fatigue irgendwie als eigenes Ding sehen.

Klar gehört sie zur MS und wird durch sie hervorgerufen. Aber irgendwie steht sie in meinem Alltag dann doch nochmal separat da. Ich denke das kommt daher, da sie bei mir oft losgelöst von allen anderen Symptomen auftritt.

Wie zum Beispiel momentan.

Eigentlich würde ich grad sagen, es geht mir hervorragend, MS-technisch gesehen. Nix kribbelt, nix tut weh (außer wenn ich draußen bei Minusgraden herumlaufen muss, aber das ist ja nur temporär). Ich fühle mich kerngesund, wenn ich in die einzelnen Teile meines Körpers hineinhorche. Meine Ernährung ist better than ever, ich mache ziemlich viel Sport – obwohl das ja verhältnismäßig ist – und fühle mich eigentlich top fit. Und auch wenn ich alle anderen Teile meines Lebens losgelöst voneinander betrachte, kann ich nichts als Gutes sagen. Job macht Spaß, Beziehung sowieso, großartige Pläne für 2017 sind geschmiedet.

Doch trotzdem ist der Alltag ein Kampf momentan. Hallo Fatigue, ja, du bist gemeint.

Im Gegensatz zu früher hat sich meine Fatigue verändert seit Herbst 2016. Früher war ich in meinen Fatigue-Phasen eher dauermüde und konnte gar nichts mehr tun über Tage. Dann habe ich meine Arbeit auf sehr wenige Stunden reduziert und mich in mein Schneckenhaus zurückgezogen, Klavier gespielt oder gemalt. Nach ca. ein bis zwei Wochen war das Thema dann meistens gegessen und es ging merklich wieder bergauf.

Jetzt kommt die Fatigue viel schneller, aber bleibt dafür auch kürzer. Ich fühle mich morgens fit und ausgeschlafen, kann mehrere Stunden am Stück konzentriert arbeiten. Aber dann. Als ob sie sich von hinten an mich heranschleicht und mir einen Sack über den Kopf stülpt, der mir den Sauerstoff abschneidet. Von jetzt auf gleich bin ich so müde, dass ich mich innerhalb von zehn Minuten ganz dringend zumindest hinsetzen, besser noch hinlegen muss. Dann dauert es so ca. eine halbe bis Stunde, bis ich wieder aufstehen kann. Ab da kann ich nur noch maximal eine Stunde an etwas konzentriert arbeiten, dann brauche ich wieder Pause. Die Konzentrationsphasen werden dann immer kürzer.

So hangel ich mich momentan durch meinen Tag. Von Pause zu Pause. Gestern konnte ich fast über den ganzen Tag konzentriert arbeiten und habe einen normalen 9 h Tag geschafft. Aber dann ..

Neben der Fatigue muss ich momentan auch noch meinen Herzensmann gesund pflegen. Eine Pause nach der Arbeit war also nicht drin. Nach der letzten Telco hieß es geschwind einkaufen gehen, um nicht zu spät mit dem Kochen zu beginnen. Ich war gut vorbereitet: Mit der Liste für die Lebensmittel der nächsten Tage gewappnet sollte das ganze Unterfangen eigentlich recht schnell gehen. Sollte.

Als ich die ersten Kilos in die Wohnung geschleppt hatte, war es plötzlich vorbei. Ich hab erst in der Wohnung gemerkt, dass ich die letzten Meter im ersten Supermarkt schon auf dem Zahnfleisch gekrochen bin. Jetzt noch in einen zweiten für die restlichen Sachen? Keine Chance.

Ich war so genervt meiner eigenen Situation, dass ich als erstes meinen Herzensmann angepflaumt hab, als er nach einer Sache von der Einkaufsliste fragt, die ich nicht geschafft hatte. Erstmal hinsetzen, ein Glas Wasser trinken, runterkommen. Frust überwinden. Dann beim Ehemann entschuldigen und gemeinsam eine Lösung finden.

So geht das oft momentan. Ich fühle mich eigentlich so gut und eigentlich so gar nicht. Was für ein merkwürdiger Zwietracht. Ich fühle mich ein wenig schizophren. Ja, wirklich! In den Zeiten, wo ich wach bin, rede ich viel mit meinem Mann darüber. Er ist jetzt vorgewarnt, dass ich innerhalb kürzester Zeit vom Kuschelmonster zur Kratzbürste werden kann.

Während ich das hier schreibe, sitze ich übrigens vor einer Tageslichtlampe und lasse mich künstlich „besonnen“. Das kann ich sehr empfehlen! Ich fühle mich hier wirklich gerade wie ein Akku im Ladegerät ✌️🔋💡

 

4 thoughts on “Kuschelmonster & Kratzbürste

  1. Liebe Sabine,

    du sprichst mir wieder aus der Seele. Zu meiner Fatigue kommt momentan leider häufig auch noch eine depressive Phase hinzu. Gestern war es wieder einmal so weit. Leider ist mein Herzensmann zurzeit noch auf Geschäftsreise. Also konnte er mich nicht auffangen und in die Arme nehmen. Das hat aber kurzfristig eine gute Freundin gemacht. Danach ging es langsam wieder raus aus dem Loch.

    Viele liebe Grüße & lass dich nicht unterkriegen
    deine Sandra

  2. Hallo Sabine,

    die Fatigue ist seit Jahren mein größtes Problem und hat mich besonders Anfang letzten Jahres zur Endphase meiner Masterarbeit richtig überrollt… Bei mir verläuft es ähnlich wie bei dir, sie kommt unerwartet und eher kurzweilig, dafür dann aber auch gerne mehrmals am Tag. Allerdings gibt es seltener auch ganze Tage an denen so gar nichts geht. Gäbe es die Fatigue nicht, würde ich kaum wahrnehmen, dass ich MS habe. Ich versuche dann meistens mir, wenn möglich, kleine Pausen zu gönnen und umso intensiver zu arbeiten, wenn ich wieder fitter bin. Bisher ließ sich das glücklicherweise immer ganz gut managen.

    Was den Zusammenhang mit Tageslich betrifft, kann ich das bei mir nicht wirklich fest machen. Mir geht es generell immer sehr viel schlechter, wenn es sehr warm ist – dann flackern auch die ganzen alten Symptome wieder auf. Daher empfinde ich die Herbst- und Wintermonate als sehr viel angenehmer und bin dann auch sehr viel leistungsfähiger. Dennoch drücken graue Regentage auch bei mir die Stimmung und sorgen immer wieder für Antriebslosigkeit, gepaart mit Fatigue. Ich denke, dass sich bei mir sowohl Hitze als auch wenig Sonnenlicht negativ auf die Fatigue auswirken, wobei die Hitze aber das größere Übel ist. Außerdem ist der Stressfaktor sehr viel bedeutender als die anderen Faktoren.

    Hast du für dich denn, außer dem Ausruhen noch eine andere Taktik entwickelt, wie du am Besten mit der Fatigue umgehst? Mich stört daran tatsächlich am meisten, dass es kaum etwas gibt, das wirklich hilft.

    Liebe Grüße, Bianca

    1. Hi liebe Bianca! Ja, ich habe tatsächlich noch eine kleine Strategie für mich entwickelt, jetzt, wo das hier gefragt hast, werde ich da die Tage mal groß – also als Blogbeitrag drüber schreiben, vielleicht hilft es ja noch mehreren 🙂 es ist nichts weltbewegendes, sondern einfach simple Rituale, die ich mir angewöhnt habe, also die ich auch ohne Fatigue mache. In letzter Zeit war ich da irgendwie aus dem Tritt gekommen und seit ich wieder einigermaßen drin bin, wird es auch wieder besser.

      Außerdem hilft mir wirklich Sport. Es ist die Hölle, sich manchmal dazu aufzuraffen, vor allem, wenn man so müde ist, dass Bewegung unvorstellbar scheint.
      Und was mir auch hilft, ist Musik, aber nur mit Kopfhörern auf, so dass die restliche Welt ausgeschaltet wird. Ich leide in Fatigue-Zeiten meistens nämlich parallel unter Reizüberflutung. Musik in den Ohren hilft meinem Kopf seinen Fokus wieder zu finden und sich zu entspannen!

      Also dann demnächst nochmal mehr 🙂 Danke für deinen ausführlichen Kommentar!!
      Liebe Grüße! Sabine

  3. Liebe Sabine,

    Gerade habe ich mal wieder ein paar Minuten für mich und streife durch meine Lieblingsblogs. Und dann finde ich genau bei dir einen Artikel mit dem was auch mich zur Zeit wieder sehr trifft. Die liebe Fatigue.
    Bei mir war die Fatigue schon lange vor der MS da bzw. war für mich eines der ersten Symptome (rückblickend). Und obwohl ich über die Jahre nun schon viel gelernt habe ist sie trotzdem manchmal unberechenbar. Mal schaffe ich wochenlang meinen Alltag mit Job, Haushalt,Hund, Kids und pflegenden Vater sehr gut und brauche nur kleine Pausen, und dann übermannt sie mich richtig und es geht oft gar nichts mehr.
    Und das ist dann meist wie bei dir insgesamt fühlt man sich Ms technisch eigentlich gut! Ein wirklich komisches Phänomen nicht wahr?Mir helfen dann immer Spaziergänge mit dem Hund, ein wenig Yoga,etwas Sport und tatsächlich auch Musik:-))
    Ich danke dir für deinen Post und wünsche dir eine gute Zeit.
    Liebe Grüße
    Melanie ( meine_kleinewelt)

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