Loch-in-Wolkendecke-Bohr-Maschine

Ich habe eine übermäßig-erleuchtende-alles-verändernde-mega-fette Selbsterkenntnis gehabt, die so übermäßig-erleuchtend-alles-verändernd-mega-fett ist, dass ich noch gar nicht glauben kann, dass ich sie hatte. Dieses ganze Gewirr aus verschiedensten Erlebnissen, Charaktereigenschaften und alltäglichen Situationen in meinem Leben, die ich noch nie verstanden habe und die seit ich klein bin ein Mysterium für mich bilden & mich manchmal wie ein Alien in dieser Welt fühlen lassen & all das: Puff! Wie Magie! Verschwunden. Na gut, vielleicht nicht verschwunden, aber aufgeklärt!

Irgendwie seltsam, durch Magie wird Magie aufgelöst. Liest sich widersprüchlich und fühlt sich auch so an.

Diese Erkenntnis ist so groß, dass ich sie erst an dieser Stelle formulieren will, wenn ich sie noch ein Stückchen weiter verarbeitet habe. Obwohl es keine Krankheit ist, fühlt es sich an, wie eine Diagnose, die gute und schlechte Seiten mit sich bringt. Momentan bin ich noch sehr fasziniert davon, was sich plötzlich alles aufklärt. Was sonst noch alles damit verbunden sein könnte, damit muss ich mich erst noch auseinandersetzen, bevor ich darüber schreiben möchte.

Also dazu bald mehr.

Heute erstmal zu meinem wolkenverhangenen Himmel. Es hat ein bißchen gedauert, bis ich mich getraut habe, den letzten Eintrag zu schreiben. Das ganze Projekt beruht ja auf einem POSITIVEN Umgang mit der MS und eine Depression hat darin nunmal eigentlich keinen Platz. Oder eben doch?

Es ist eine zwiespältige Situation, in der meine Person steckt:

Wer über den Film schreibt, wer von dem Projekt liest, wer den Film sogar irgendwo sehen kann, der lernt mich zum Zeitpunkt gegen Ende des Filmprojektes kennen, an einem Punkt, an dem ich einen langanhaltenden Höhenflug hatte. Genau das war ja auch der ganze Zweck des Filmprojektes. Und natürlich möchte ich auch weiterhin Mut machen.

Aber: weder meine eigene Entwicklung, noch die der MS bleibt stehen und wartet darauf, dass dieser Film ins Kino kommt. Das klingt so einfach und logisch, aber ich habe eine Weile gebraucht, mir zu erlauben, mich weiterzuentwickeln. Ich sehe mich mit neuen Situationen konfrontiert, die zum Zeitpunkt des Filmdrehs so noch nicht gegeben waren. Zum Beispiel jetzt Geschäftsführerin einer Filmproduktionsfirma zu sein. Die MS in den Arbeitsalltag zu integrieren. Nicht 24/7 Zeit dafür zu haben, sich damit auseinanderzusetzen.

Nach diesen zwei extremen Phasen, die ich hatte – zum einen die permanente Auseinandersetzung mit der MS beim KGW-Dreh und zum anderen das komplette Ignorieren und Stürzen auf die neue Firma in der Zeit danach – hat jetzt ein neuer Prozess in mir begonnen, in dem ich beides miteinander zu verbinden versuche.

Ich habe Abstand gebraucht, nach dem der Film nach 2 Jahren Produktion fertig gestellt war. Abstand zur MS, zu anderen Betroffenen, zu mir selbst. Irgendwie. Diese Auszeit wurde gekrönt durch die epische Feierei unserer Hochzeit. Und jetzt merk ich, dass es genug ist. Ich möchte wieder schreiben, wieder darüber reden, mich wieder mit der Krankheit beschäftigen.

Diese Depression, die ich schon seit längerem mit mir herumtrage, ohne dass ich es mir eingestehen wollte, ist für mich etwas, was genau so kommt und geht, wie all die anderen Phasen, und die auch irgendwie dazugehört. Ja, das denke ich wirklich. Und sie hat schon jetzt zu einer übermäßig-erleuchtenden-alles-verändernden-mega-fetten Selbsterkenntnis geführt. Aber ich sehe mich nicht in diesem Zustand verweilen.

Und es stimmt nicht, dass dir keiner da raus helfen kann, nur du selbst. Nein, im Gegenteil. Es gibt vor allem zwei sehr wichtige Menschen in meinem Leben, die auf ganz unterschiedliche, aber beides so unglaublich gut-tuende Arten mit mir umgehen, dass ich mich viel schneller immer wieder aufrappeln kann, als dass ohne sie der Fall wäre.

Zugegeben: Die letzten Wochen habe ich mich recht hilflos im Umgang damit gefühlt. (Nein, ärztliche oder therapeutische Hilfe hatte ich noch keine – das ist nicht so einfach mit mir ;))

Aber: es im letzten Blogeintrag schwarz auf weiß vor mir zu sehen, hat wieder einmal meinen ganz ureigenen Motor angeschmissen, der nicht darauf wartet bis der Himmel an irgendeiner Stelle aufreißt, sondern der versucht, selbst irgendwo ein Loch in die Wolkendecke zu bohren.

Mir ist klar geworden, dass ich – jetzt wo KGW irgendwie angehalten ist bis zum Kinostart – ein neues Ventil brauche. Ein neues künstlerisches Projekt, in dem ich mich mit meinem Mitbewohner auseinandersetzen kann. Vielleicht nicht ganz so zeitintensiv wie ein Kinofilm. Etwas Kleines.

Ich hab da auch schon eine Idee. Coming soon.

 

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