Nach Wurzeln graben

Drei Tage bin ich nun hier. Drei Tage voller Meditation und guter Gespräche. Voll Stille und voller Natur. Reich mit dem Gefühl der Geborgenheit, aber ebenso reich an Arbeit an mir selbst.

Vor allem der Blick auf die MS funktioniert hier anders als zuhause. Hier begegnet man der Krankheit ganz anders, als ich es kenne und als überall sonst, wo ich hinkomme. Das ist interessant und vom Prinzip her toll. Aber es ist auch aufwühlend, es wirft mein Weltbild durcheinander. Und nicht immer gefällt mir spontan, was diese lieben Menschen mir aus ihrer Sicht sagen.

Mein kognitiver Schub wird hier als Chance begriffen, gewisse Muster oder Hirnfunktionen jetzt mal auszuklammern. Aus meiner Sicht: notgedrungener Weise. Aus Deva und Kais Sicht: Wunderschöner Weise. Hier wird es als Chance begriffen, dass ich bestimmte Dinge einfach nicht abrufen kann. Und mich selbst nicht dazu nötigen muss, es nicht zu tun. Im Kalari-Training will mir Kai klarmachen, dass ich durch meinen momentanen Schub eine Hürde weniger anstatt mehr habe.

Verrückt! Ich verstehe das schon. Aber kann ich das akzeptieren? Es fällt mir schwer.

Vor allem aber kann ich mich hier nicht hinter der Krankheit verstecken. Die MS ist hier kein Drama. Krankheit ist hier kein Drama. Deva sagt immer „Es ist doch gar nichts los.“

Auch das ist schwer zu akzeptieren. Denn was werden wir stigmatisiert, aus dieser Krankheit ein Drama zu machen! Überall! Von den Ärzten, von Freunden, von der Familie, von der Gesellschaft .. Deswegen ist mein erster Impuls wahrscheinlich auch, aufzustampfen und loszupoltern. Natürlich ist das ein Drama! Wie kannst du das nur übersehen!

Zu Gast bei Human Posture

Meine größte Aufgabe momentan ist, durch Meditation in den Zustand des Beobachters zu kommen. Nicht zu werten. Sondern zu beobachten. Deva führt mich in die Nadabrahma, die Summ-Meditation, ein. Es ist nur für die ersten paar Minuten sehr merkwürdig und anstrengend einen Summton von sich zu geben. Aber ziemlich schnell spüre ich eine neue Art der Entspannung in meinem Körper.

Blickwinkelveränderung. Eigentlich ist nichts los. Die MS ist da. Jetzt im Moment will sie gesehen werden. Was ist damit verknüpft? Wofür steht die MS im Ganzen in meinem Leben?

Ich befinde mich also an Tag drei meiner Mini-Reha. Es regt sich da etwas. Es formuliert sich etwas.

Die MS darf kein Versteck sein. Keine Ausrede, kein Schild, was ich mir vor den Körper halte, um mich zu schützen. Und im Übrigen darf ebenso wenig die Hochsensibilität all das sein.

Die MS ist Ausdruck dessen, was bei mir aus dem Gleichgewicht geraten ist. Sie ist mein Barometer. Sie ist meine Freundin, die mich immer wieder – noch sanft und freundlich verglichen zu anderen Verläufen – darauf hinweist, dass ich nicht auf mich achtgebe.

Diese Erkenntnis scheint nicht neu und doch fühlt sie sich jetzt gerade viel tiefer und intensiver an, als damals, als ich genau das zum ersten Mal formuliert habe.

Mir wurde in der Sowi-Therapie im Rahmen meines Filmdrehs von „Kleine graue Wolke“ von der Therapeutin Ulla schon ganz ganz früh im Verlaufe meiner MS klar auf den Kopf zugesagt: „Viele Menschen verstecken sich hinter ihrer MS. Pass auf, dass du diesen Fehler nicht auch machst.“

Ich hab mich spontan angesprochen gefühlt. Denn genau das war mein Ding. „Nein, ich kann dies und jenes nicht mehr. Ich habe jetzt MS. Gegenüber, akzeptiere es. Ich bin für immer krank, ich darf das.“

Mimimi.

Damit hat Ulla mich damals aus meinen Selbstmitleid herauskatapultiert. Und ich war mir sicher, dass ich das so nun nicht mehr machen werde und wenn, dann bewusst. „Wir MS-ler haben ja auch so viele Nachteile, die Krankheit muss ja nun auch ein paar Vorteile mit sich bringen“ – ist meine Ausrede, für die mir mein Umfeld dann auch noch permanent mit einem klaren „Richtig so!“ fruchtbaren Boden bietet.

Wirklich? Richtig so? Nein, eigentlich nicht. Ich benutze die MS zwar nicht mehr als Versteck. Aber ich benutze sie wie ein Bett. Ich ruhe mich auf ihr aus. Und ich spiele auch ein wenig mit ihr. Füttere sie, mache großes Drama, wenn ich möchte. Oder lasse sie mitfließen .. wenn ich möchte. Ich fühle mich meiner Krankheit schon lange nicht mehr zu jeder Zeit machtlos ausgeliefert. Es ist eben ein Spiel mit dem Feuer. Ein schöner Ausdruck, der durch mein heutiges Gespräch mit dem Ayurveda-Therapeuten noch tiefere Bedeutung bekommen hat, aber dazu ein anderes Mal mehr.

Manchmal gerät dieses Feuer dann aber außer Kontrolle. Angefacht von zu viel Wind wüstet es in meinem Körper. Dann bekomme ich einen Schub. Drama? Für mich: Oh ja.

Wirklich? Warum denn? – Ich weiß nicht so genau. Es ist doch so schlimm, einen Schub zu haben. Das habe ich so gelernt. Da passieren Entzündungen in meinem Nervensystem. Das ist doch Drama! Mein Körper zerstört sich selbst!

Und dann bin ich endlich bei meinem Thema für diesen und die nächsten Tage angekommen. Selbstzerstörung. Die MS ist ein Sinnbild für meinen Lebensstil geworden. Selbstzerstörung ist in vielen Teilen meines Lebens, meines Ichs, meines Seins – ich bin verwirrt und weiß nicht welches der richtige Ausdruck dafür ist, was ich meine – aber irgendwo dort verankert. Die MS? Ist nur die Spitze des Eisbergs. Das, was man medizinisch diagnostizieren und ein Stück weit greifbar oder visualisierbar machen kann in Form eines MRT-Bildes. Aber die Wurzel? Ist es nicht.

Und die möchte ich jetzt bitte endlich ausgraben. Denn nur das wird einen nachhaltigen Effekt auf mich und damit auch auf meine MS haben. Deswegen: Her mit der Schaufel!

17 thoughts on “Nach Wurzeln graben

  1. Wow… das macht mich jetzt sehr nachdenklich…
    Danke, dass du uns auf diesen Weg ein klein wenig mit nimmst. <3

  2. Über die Wurzeln meiner MS denke ich schon lange nach. Spätestens seit März 2016 glaube ich sie zu kennen, oder zumindest, zu erahnen. Aber niemand glaubt mir und unterstützt mich dabei, dabei brauche ich die Unterstützung so dringend, denn alleine schaffe ich es nicht, das Problem anzupacken. Aber Unterstützung bekommme ich keine, weil mein Umfeld viehl zu eng in ihre eigenen Probleme verstrickt sind. Sie nehmen mich zu Kennnis, doch im Endeffekt lassen sie mich im Regen stehen. Mein Leben lang hielt ich mich für einen Einzelämpfer, aber jetzt sehe ich ganz allein da, und bereue, dass ich nicht schon viel eher meine Kontate gepflegt habe 🙁 Aber wenn das mein Problem ist, kann man es auch nicht von heute auf morgen, änden. Das ganze Konzept meines Lebens ist verkehrt, und ich weiß mittlerweile, was so schief gelaufen ist, aber ich kann es tatsächlich nicht mehr ändern. Viel zu sehr habe ich auf meine Mutter gehört, und meine Mutter kannte mich gar nicht wirlich, und meine Mutter, gab mir deshalb die falschen Ratschläge, und ich, treu-doof, die ich war, machte die verkehrt Ausbildung, um meine Mutter zu gefallen, und weil ich mich ihr gegenüber schuldig fühlte. Dabei konnte sie mich gar nicht verstehen, weil ich aus mir selbst immer ein Geheimnis machte, und deshalb konnten mich auch andere Menschen nicht verstehen! Und meine Klassenkameraden nutzten mich aus, weil sie von mir gut abschreiben konnten, und meine Lehrer und Professoren an der Uni, lobten immer meinen sprachlichen Ausdruck, und bei der Dialogika lobten sie meine korrekte Arbeit, und meine fast komplette Fehlerfreiheit!
    Aber sie wollten mich als Informatierin beschäftigen, und ich wollte in einer Bibliothek arbeiten, weil Bücher mein Leben sind. Meine Mutter wusste das auch, aber sie lobte vor allem meine Diplomatie, deshalb wollte meine Mutter, dass ich in den auswärtigen Dienst gehe, aber ich merkte bereits bei der Informationsveranstaltung in meinem ersten Semester, dass ich für diesen Beruf übehaupt nichts taugte. Und als ich dann endlich in einer Bibliothek einen Job bekam, stand mir mein Informatikstudium im Weg, denn ich sollte… – ausgerechnet ich ! – die Systemverwaltung übernehmen, und die einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, die ich später bekam, wam in der SULB, und hier war es wieder ein Informatiker-Job 🙁
    Eigentlich habe ich mir mein Grab selbst gegraben, weil ich ein paar Freunde hatte, die Informatk studierten, und es nicht einmal zum Vordiplom schafften 🙁 Dabei sind sie absolut fähige Informatiker! Und ich habe den Bachelor geschafft… weil ich es KONNTE!!! Weil ich hochsensibel bin, und das Wissen in mir aufsog, wie ein Schwamm. Aber niemals wollte ich als Informatikerin arbeiten! Ich wollte schreiben!!! Und sonst nichts! Meine Stärke liegt in der Linguistik, aber nicht in der Computerlinguistik!
    Meine Mutter ist tot und hat nie erfahren, dass ich tatsächlich Informatkerin geworden bin 🙁 Sie hat nie erfahren, dass ich MS habe, denn sie starb schon 13 Jahre vor meiner Diagnose 🙁
    Das ist eine dicke Baustelle, die ich aufarbeiten muss, und ich schaffe es beim besten Willen nicht allein. Und wenn wir gerade dabei sind, muss auch meine Hochsensibiltät behandelt werden, denn sie brachte mir noch mehr Probleme in den letzten Jahren. Aber das ist eine viel zu lange Geschichte.
    Jedenfalls hat mich dein Blog durchaus aufgerüttelt und wieder zum Nachdenken angeregt. Über das Thema, über das ich schon seit mindestens März 2016 grübele, oder vielleicht sogar schon länger.
    Ich nutze deinen Blog, liebe Sabine, weil es die einzige Möglicheit ist, mich mit anderen Menschen, mit LeidensgenossIen/innen auszutauschen. Meine anderen Freunde und meine Schwester sind auf der Kinderschiene, ud ich wollte niemals Kinder. Ein Glück für die Kinder, die ich gar nicht erst geboren habe! Meine drei Neffen sind jetzt die einzigen blutsverwandten Nachkommen in meiner Familie! Die werden sich womöglich noch bedanken, wenn in ihren Nachwuchs irgendwann mal MS auftritt 🙁
    Und da sind wieder meine Schuldgefühle, und der Eindruck, ich müsse mich bei jedem Mensch entschuldigen, dass ich so bin, wie ich bin 🙁 Dabei haben selbst die Ärzte eine Ahnung, woher die MS kommt, und was man machen kann um sie zu heilen 🙁 In gewisser Weise sind wir MS-ler Opfer, anstatt Schuldige. Wir müssen einmal den Spieß umdrehen! Wir müssen uns nicht entschuldigen, weil wir so sind, wie wir sind. Wie du so schön geschrieben hast: wir sind krank! Und wir werden nicht wieder gesund werden 🙁 Und deshalb brauchen wir uns auch nicht zu entschuldigen.
    Dir noch alles Gute!
    Liebe Grüße, Susi

    1. Hi liebe Susi! Vielen Dank für deine ausführlichen Kommentare der letzen Beiträge! Du bist immer herzlich eingeladen, deine Geschichte und Gedanken mit uns zu teilen.
      Du musst verstehen: ich fühle mich weder als Opfer, noch als Schuldige. Ich fühle mich auch nicht als Kranke. Das war vielleicht mal so.
      Ich fühle mich als ganz normaler Mensch. Und ich möchte einfach nachhaltige Freude am Leben haben, deswegen habe ich jetzt einen neuen Weg beschritten, der mich näher an mein Ich bringt, als alles andere je zuvor. Durch die Meditation schaffe ich es, mir selbst ganz anders zu begegnen. Vielleicht probierst du es mal aus, es gibt ja sehr viele Dinge aus der Vergangenheit, an die du dich klammerst. Vielleicht findest du eine Meditationsgruppe in deiner Bekanntschaft?
      Alles Liebe für dich!
      Sabine

  3. Liebe Sabine,
    ich finde es interessant, dass Du schreibst du hättest dich hinter MS versteckt. Ich bin für immer krank. Schub – Katastrophe. Genau meine Gedanken. Das ist bei mir aber eigentlich erst passiert nachdem es im Job wirklich anstrengend wurde. Am Donnerstag habe ich mit meinem Arzt mein MRT vom März angeschaut. Das erste nach 3 Jahren. Minimale Läsionen. Und es sind viele psychisch anstrengende Dinge passiert in der letzten Zeit. Kein Schub. Der Doktor hat gesagt: Ich würde wollen. dass Rücksicht auf mich genommen wird. Das stimmt. Ich habe auch Angst vor dem MRT gehabt. Irgendwie kam Scham in mir auf. Warum will ich eigentlich eine Extrawurst? Ich glaube weil andere Ereignisse mich psychisch instabil gemacht haben. Daran will ich arbeiten und mich hinter nichts mehr verstecken. Mir einen Job suchen, der richtig klasse ist und MS irgendwo hinten in der Ecke hinstellen und nicht ins Schaufenster. Danke, Sabine, dieser Blog hilft mir weiter😁

  4. Hallo Sabine,

    zuersteinmal eine direkte Frage wo kann man diese Minireha machen?

    Ja die Diagnose bei mir kam als ich eigentlich alle Probleme und Sorgen auf die Reihe gebracht habe. Ich habe es akzeptiert dass mein Sohn nicht so sein wird wie andere Jungs und all de anderen Kram um mich herum, Job, Stress, Schulprobleme Tochter – es war eigentlich alles auf einer normalen Ebene angekommen sicher klar war dass es noch einiges geben würde aber ich fühlte mich gut mit den Ergebnissen und was ich in die Wege geleitet habe.

    Aber dann kam Sie ganz leise traten die ersten Symptome auf und dann einige Wochen später RUMS…..

    Ein schwarzes Loch größer als die anderen vorher taten sich auf. Ich fing mich irgendwie wieder aber eine Katastrophe nach der anderen schlimmer als vor der Diagnose kamen. Ich verzweifelte so manchmal und dachte was muss ich noch alles ertragen. Manchmal kaum zu schaffen gewesen.

    Einen Schub hatte ich seither nicht mehr und auch keine Veränderung oder Zunahme an den Läsionen. Hmmmm……

    LG
    Ursula

    1. Hi liebe Ursula! Meine Mini-Reha läuft bei „Human Posture“ in Pronstorf (-> http://www.human-posture.org). Mehr zu dem konkreten Angebot dort schreibe ich bald hier nochmal auf dem Blog! Ist doch toll, dass du keine neuen Läsionen dazu bekommst! Und jetzt kannst du einfach selbst entscheiden, ob dir diese Tatsache genügt oder ob du weiter daran arbeiten möchtest, deinen Umgang auch mit anderen Situationen in deinem Leben zu verändern ☺️

      Bei meinem Aufenthalt bei Human Posture ging es schon gefühlt nach einem halben Tag gar nicht mehr um MS. Sondern um eine nachhaltige Blickwinkel-Veränderung auf das Leben 🌈

      Ganz liebe Grüße!

  5. Liebe Sabine, ich finde es sehr erfrischend, bei dir mal eine andere Sucht auf die Krankheit zu lesen!
    Denn ich habe ähnliche Gefühle und es bisher nicht formulieren können. Es ergreift mich immer ein wenig Unbehagen, wenn ich merke, dass ich die MS als Grund für dieses oder jenes vorschiebe. Denn genau dann bin ich in einem Krankheitsgewinn. Krankheitsgewinn zu haben, verhindert aber eine Heilung…
    Ich glaube, du bist da auf einem guten Weg. Und den Satz, „Das ist doch hier kein Drama!“ werde ich mir merken! Wünsche dir noch viele solcher Erkenntnisse und vor allem, dass du diese „Wurzeln“ findest.

  6. Liebe Sabine,

    ein toller Eintrag…Wo kann man denn diese Erfahrung machen? Und wie bist du da dran gekommen?

    Liebe Grüße,
    Julia

    1. Hi liebe Julia! Ich war zu Gast bei „Human Posture“ (www.human-posture.org) – dieses Retreat habe ich beruflich kennengelernt und darüber ist eine private Verbindung zu den beiden Gründern Kai und Deva entstanden. Was ich da gemacht habe, ist also kein Standard Angebot. Doch falls genug Interesse besteht .. wer weiß ✨☺️ es ist so eine Wahnsinns-Erfahrung 💘

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