Schreibgast #7: Bibi

Endlich darf ich euch mal wieder einen wundervollen Gastbeitrag präsentieren ✨ Die liebe Bibi hat mir aufgrund meines ersten HSP-Blogposts geschrieben und überlegt, einen eigenen Blog zu starten. Also ich bin dafür – nach diesem tollen Vorgeschmack! Was denkt ihr? Viel Spaß beim Lesen und danke, liebe Bibi, dass du deine Geschichte hier mit uns teilst 💘

***

MS und HSP

Zwei Abkürzungen, die mein Leben innerhalb einer Woche verändert haben!

Im August 2011 fing alles an. Ich weiß noch, wie ich im Büro saß und ich vor Schmerzen und Überforderung nur noch hätte heulen können. Als endlich Feierabend war, bin ich direkt ins Auto und ab nach Hause. Doch irgendwas war anders. Ich war total überfordert während der Autofahrt. Die Sonne schien und ich bin durch ein lichtes Waldstück gefahren. Dieser schnelle Wechsel von Licht und Schatten hat mich dermaßen verrückt gemacht, dass ich am liebsten eine Vollbremsung gemacht hätte, um meinen Mann anzurufen, dass er mich abholen muss. Aber ich fuhr die restlichen 3 km heulend nach Hause, stieg aus dem Auto und ging schnurstracks aufs Sofa, um hemmungslos zu heulen.

Mein Mann sah, dass ich gekommen bin. Er war gerade bei den Nachbarn auf dem Richtfest, zu dem wir eingeladen waren, kam aber direkt zu mir und fragte was los ist.

Ich berichtete ihm von den unerträglichen Nacken-Schulter-Schmerzen und wir fuhren direkt weiter in die Notaufnahme. Dort wurde ich nur kurz untersucht und habe eine Spritze gegen die Schmerzen bekommen. Das war ein Freitag …

Montags bin ich direkt zu meinem Hausarzt, der mir sofort eine Überweisung fürs MRT gab und mich weiter an einen Orthopäden verwies – Verdacht auf Bandscheibenvorfall. Er schrieb mich erstmal krank.

Eineinhalb Wochen später konnte ich dann endlich ins MRT. Hier war es so, dass direkt nach dem MRT die Bilder mit einem Radiologen durchgesprochen wurden. Der Radiologe konnte keinen Bandscheibenvorfall sehen, hat jedoch einen verdächtigen Fleck am zweiten Halswirbel im Rückenmark gesehen. Er gab mir den Bericht für den Orthopäden mit. Zuhause konnte ich nicht anders und habe in diesen Bericht geschaut … dort stand einiges was ich nicht verstand und „EMD?“

PC angeschmissen, Dr. Google gefragt. Was zum Teufel ist die Abkürzung „EMD“? Nach doch längerer Suche hatte ich dann endlich meine Antwort: Encephalomyelitis disseminata oder auch anders Multiple Sklerose. Mir ist alles aus dem Gesicht gefallen. Hatte doch meine Kollegin zwei Monate zuvor gerade erst diese Diagnose bekommen.

Wieder zwei Wochen später (die Schmerzen sind in der Zeit unerträglich geworden und mein rechter Arm, rechte Bauch- und Rückenseite wurde immer gefühlloser) hatte ich endlich meinen Orthopädentermin. Er guckte sich die Bilder an und meinte nur „Alles super!“ und verschieb mir Krankengymnastik und Muskelrelaxas – seine Diagnose: Facettensyndrom. Auf meine Frage hin, was mit diesem Fleck ist sagte er äußerst gefühllos, man solle mal die Kirche im Dorf lassen.

Ich ging da raus und fragte mich, ob ich mich jetzt freuen soll … doch ich tat es nicht.

Am nächsten Tag ging ich zu meinem Hausarzt, erzählte ihm von dem Orthopäden und meinen Beschwerden und dann ging alles ganz schnell. Überweisung ins Krankenhaus, MRT vom Kopf und wieder saß ich da, diesmal vor 2 Radiologen mit ernster Miene.

Doc: „Hatten Sie mal Sehstörungen?“

Ich: „Ja, dass ist aber schon 7-8 Jahre her, aber ich merke es noch beim Sport oder wenn es warm draußen ist“

Doc: „Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass sie mit ziemlicher Sicherheit Multiple Sklerose haben. Wir haben einige alte Entzündungsherde in ihrem Gehirn gefunden“

Ich: „Ok, ich hab’s schon geahnt“ …

In dem Termin haben die Ärzte mir die Bilder gezeigt und es waren bestimmt um die zehn!!! weiße Flecken … hatte ich also schon 10 Schübe? Ich hatte ständig irgendwas, was aber irgendwann wieder verschwand, bis ich selbst irgendwann glaubte ein Hypochonder zu sein, nachdem ich das schon öfter von anderen zu hören bekommen habe.

Ich blieb sechs Tage im Krankenhaus, Kortisondröhnung für fünf Tage, meinen Arm konnte ich mittlerweile wenig bis garnicht mehr bewegen.

Im Zimmer lag ich mit zwei anderen Damen. Eine ältere Dame und Andrea.

Andrea und ich verstanden uns auf Anhieb. Sie kam mit ähnlichem Verdacht ins Krankenhaus, bei ihr gestaltete es sich allerdings nicht so einfach mit einer Diagnose.

Da lagen wir also beide mit unserem Kortisontropf und redeten über alles, was uns in den Sinn kam. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so intensiv und angeregt mit jemandem unterhalten.

Ich glaube am dritten Tag legte sie mir eine Zeitschrift hin mit einem aufgeschlagenen Bericht. Es ging um eine Frau, die hochsensibel ist. Ich verschlang den Bericht. Es war, als hätte jemand über mich geschrieben und mir wurde schlagartig einiges klar. Eigentlich alles.

Als ich aus dem Krankenhaus kam, hab ich im Internet recherchiert. Hab alles gelesen was ich gefunden habe. Das war allerdings nicht sonderlich viel damals aber es hat gereicht um für mich festzustellen: Ja, ich bin eine HSP.

Ich war damals insgesamt ein halbes Jahr krankgeschrieben und im Endeffekt kann ich der MS-Diagnose dankbar sein für diese Pause von allem. Im Nachhinein betrachtet war es der berühmte Reset-Knopf, der dadurch bei mir gedrückt wurde. Die Welt wurde wieder bunt, ich habe wieder das Wetter gerochen, pures Glück empfunden. Aber wie passt das mit solch einer Diagnose zusammen?

Vor diesem Diagnoseschub war ich in einer schon jahrelang andauernden Reizüberflutung gefangen. Mir war alles zu viel. Treffen mit Freunden und Familie, Party’s, Shoppen, Arbeit, ….

Das hat mir alles keinen Spaß mehr gemacht. Ich hab mich eingekapselt, auch zum Leidwesen meines Mannes. Waren wir verabredet, haben sich vorher Dramen abgespielt weil ich einfach nur zu Hause bleiben wollte … mit ihm! Alleine sein, ohne ihn, war die Hölle für mich.

In meiner ersten Reha, in der ich drei Monate nach dem Schub war, war ich bei einer unheimlich tollen Psychologin. Sie hat relativ schnell gemerkt, wie ich ‚ticke‘. Ich erzählte ihr von meiner andauernden Überforderung mit allem und sie sagte, dass es wohl nicht mehr lange gedauert hätte, bis ich komplett ‚Out of Order‘ gewesen wäre. Sie sagte aber auch, dass ich eine außerordentlich gute Selbstreflexion habe und ich mir das zum Werkzeug machen kann.

Und heute?!

Sechs Jahre später kann ich sagen, dass ich mein Leben liebe! Auch mit MS und dank der Hochsensibilität. Ich habe mir beigebracht, damit umzugehen. Es klappt nicht immer gleich gut, aber was ist im Leben schon beständig?!

Ich geh auf Konzerte, gehe feiern, mache tolle Urlaube …. ich lebe!

Klar nervt mich die Fatigue öfter als mir lieb ist. Sie ist daran schuld, dass ich mich seit letztem Jahr schon ‚Teil-Rentnerin‘ nennen muss. Aber ihr habe ich es auch zu verdanken, dass ich jetzt die nötige Zeit am Tag habe meine ganzen Reize zu verarbeiten, um nicht wieder in so eine permanente Reizüberflutung zu kommen.

Diese ganzen Gefühle der anderen, die ich mitfühle, als wären es meine.

Diese Ungerechtigkeiten in der Welt, die mir oft auch körperlich weh tun.

Mein Gehirn, dass permanent arbeitet um auf jede Eventualität vorbereitet zu sein, um nicht überrascht zu werden.

Ständige Veränderungen, bei denen ich erstmal für mich abwägen muss, ob sie gut oder schlecht sind.

Die ganzen Gerüche, Geräusche und visuellen Reize, die ungefiltert in meinen Kopf gelangen.

Und so viele andere Dinge.

Ich kann sie jetzt in Ruhe verarbeiten.

Letztens bei meiner Friseurin, sie ist auch eine HSP, hatte ich ein Aha-Erlebnis. Ich erzählte ihr von meiner Shampoo-Suche und da fragte sie, ob ich es schonmal damit versucht habe es kinesiologisch für mich abzufragen? Bitte was?!

Sie erklärte mir kurz, was es damit auf sich hatte und was soll ich sagen. Ich mache es schon seit ich denken kann … unbewusst, jetzt bewusst. Man nennt es wohl auch Biofeedback.

Ich würde es gerne erklären, kann es jedoch nicht wirklich.

Aber genau das habe ich damals unbewusst angewandt, als die ständige Nachfrage meines Neurologen kam, welches Basismedikament ich nehmen will. Ich habe mir jedes Medikament genau angeschaut und bei jedem Medikament hat sich nicht nur mein Verstand dagegen gewehrt, ich habe physische Schmerzen bekommen bei dem Gedanken daran, ein Medikament zu nehmen. Jede Faser meines Körpers hat sich dagegen gewehrt, weil mein Körper es für falsch empfunden hat.

Was soll ich also sagen. Klar ist die MS-Diagnose ein Schock gewesen und ich habe alle Phasen der Krankheitsbewältigung durchlebt. Doch ich habe eigene Werkzeuge um besser auf mich aufzupassen und ich lerne Tag täglich diese immer besser für mich zu nutzen.

Und so werde ich weiterhin jeden Tag genießen und es akzeptieren, wenn mein Körper eine Pause braucht!

5 thoughts on “Schreibgast #7: Bibi

  1. Guten Morgen Bibi,

    vielen Dank für deinen Bericht. Deine Erfahrungen sind mir vertraut. Du bist mir einen Schritt voraus, mit dem loslassen. Mir geht es gerade auch nicht gut und bin schon wieder auf Horchposten, was meine Symptome angeht. Mmmh werde nochmals in mich gehen. lg

  2. Hallo Bibi,
    Danke für deine Geschichte…
    Irgendwie scheint da wirklich ein Zusammenhang zwischen HSP und MS zu bestehen.
    Ich finde es toll, dass du Werkzeuge gefunden hast mit allem umzugehen oder es zu lernen und ganz besonders, um auf dich aufzupassen.

    Liebe Grüße Mia
    PS: Das letzte Bild zeigt einen norwegischen Fjord, oder? 🙂

  3. Liebe Bibi,

    Ich muss gestehen ich habe diesen Post schon gelesen als er ganz frisch online war, aber ich konnte erst jetzt darauf antworten. Mich hat er total geflasht und viele deiner Passagen haben mich an meine eigene Geschichte erinnert! Auch hatte ich beim lesen das Gefühl ich erlebe das alles noch einmal mit….
    Irgendwie ist dieser Zusammenhang zwischen MS und HSP schon erstaunlich oder?
    Ich freue mich jedenfalls sehr für dich, dass du einen Weg für dich gefunden hast gut damit umzugehen um langfristig ein gutes Leben zu führen.
    Bei mir sind manchmal gute Ansätze da, aber nach einer Zeit rutsche ich immer wieder in „alte“ Muster zurück.
    Aber ich arbeite daran….
    Alles Liebe für dich und liebe Grüße
    Melanie

  4. Hallo Sabine,

    danke für die gestrige Filmvorführung und die daran anschließenden Erläuterungen in Winsen.

    Du hast einen wundervollen Film produziert und ich glaube, das sich jeder MS Erkrankte in der kleinen grauen Wolke wiederfindet.

    Eine schöne Zeit für Dich und alles Gute wünscht Dir

    Uwe

    1. Danke dir, lieber Uwe! Es war ein toller Abend mit euch, habe mich sehr gefreut über das tolle und zahlreiche Publikum in Winsen 🙏 auch dir alles Liebe!

Kommentar verfassen