Seit ich keine MS mehr habe..

Neulich ist mir etwas Sonderbares herausgerutscht. Als ein Bekannter mich fragte, wie es mir denn aktuell ginge, sprudelte es ohne Nachdenken aus mir heraus: „Also seit ich die MS nicht mehr habe, geht es mir wunderbar!“ – Huch. Ein irritierter Blick. In meinem Bewusstsein kommt langsam an, was ich da gesagt habe. Und ich versuche die Situation mit einem „Ääähhm, ja also, ich hab schon länger keine Symptome mehr, mir geht es prima!“ zu retten.

Was ich damit meinte, war natürlich nicht, dass ich auf dem Papier jetzt urplötzlich geheilt bin. Das nicht mehr haben ist eher Ausdruck dessen, was in den letzten Wochen durch die Meditation passiert ist.

Als mich dieser kognitive Schub so außer Gefecht gesetzt hat, habe ich beschlossen, nach Wurzeln zu graben. Wisst ihr noch? Und mir ist bewusst geworden, wie wenig dramatisch meine damalige Situation war.

Je tiefer ich in mich hineingehört habe, also je mehr ich gegraben habe, desto mehr habe ich da etwas realisiert. Und zwar interessanterweise einen Punkt, über den ich schonmal gestolpert bin. Und den auch Ulla aus der SoWi-Therapie damals schon thematisiert hatte. Damals, 2012. Verrückt.

Sie sagte: „Viele Menschen brauchen ihre MS.“ Und ich bezog das auf Menschen, wie in meinem Nach Wurzeln graben-Text beschrieben, die sich hinter ihrer Krankheit auf negative Art und Weise verstecken. Die die MS also vorschieben und grundsätzlich sagen: „Ich kann dieses oder jenes nicht, ich darf mich unfair verhalten, ich bin krank.“

Was ich entdeckt habe, ist, dass auch positive Menschen ihre MS brauchen. Dass sie eine mehr oder weniger große Anhaftung an ihre Krankheit haben. Und da reihe ich mich mit ein. Auch ich habe diese Anhaftung besessen. Ich kann nicht sagen, ob es von Anfang an so war oder ob es sich über die Jahre entwickelt hat, weil die MS auch mein Berufsleben mehr und mehr durchdrungen hat. Aber das ist ja auch völlig unerheblich. Fakt ist: Auf einer gewissen Ebene habe ich meine MS gebraucht.

Wie viele unzählige Male ich betont habe, dass ich meiner MS dankbar bin, weil sie mir die Richtung weist, weil sie ein Barometer ist, weil sie mir meine Grenzen zeigt. Ja! Aber damit entziehe ich mich der Verantwortung mir selbst gegenüber. So nach dem Motto „Ich mach mein Ding! Die MS wird mir dann schon signalisieren, wenn es zuviel ist – und dann schalte ich kurz mal ein paar Gänge runter.“

Nur deswegen bin ich ja immer wieder in die Situation gekommen, dass es mir phasenweise fantastisch ging und phasenweise fürchterlich dreckig. Ich habe noch nie so richtig Verantwortung für mich übernommen und echte Konsequenzen gezogen. Und damit meine ich mehr als mit Sport anzufangen und die Ernährung umzustellen. Damit meine ich tatsächlich nach Wurzeln zu graben. Mich so richtig intensiv mit mir selbst auseinanderzusetzen und nicht ständig nur Dinge von außen aufzunehmen.

Nach innen schauen – das tue ich jetzt endlich. Durch diesen Weg jetzt habe ich etwas wichtiges geschafft: Loszulassen. Ich brauche die MS nicht mehr. Ich übernehme die Verantwortung. Jeden Morgen horche ich intensiv in meinen Körper und mein Herz hinein und beobachte, was gerade Thema ist. Gebe die Aufmerksamkeit, die gebraucht wird. Mehr und mehr kehrt eine gewisse Fähigkeit in mein Leben ein, sich von Emotionen zu lösen, in dem ich sie beobachte anstatt mich unbewusst blind in sie zu stürzen wie früher.

Und die MS? Sie ist in dem Sinne nicht mehr da, als das ich sie loslasse. Und ob ich nun ein körperliches Zwacken wegen der MS oder wegen anderen Gründen verspüre macht überhaupt keinen Unterschied mehr für mich. So oder so schaue ich drauf, bis es wieder gut ist. Diese Gedankenspirale „Oh, könnte das ein Symptom sein? Warum kriege ich denn jetzt dieses oder jenes? Schreitet die MS fort?“ beginnt gar nicht erst.

Befreiend. Sehr befreiend.

5 thoughts on “Seit ich keine MS mehr habe..

  1. Hallo Sabine,

    ich weiß was du meinst – manchmal denke ich auch gar nicht mehr daran….. Und ja auch ich bin bei mir der Meinung die MS (oder was immer das jetzt wirklich ist oder war) – gut offiziell ist es MS – ist nicht umsonst zu mir gekommen. Es hatte schon seine Gründe.

    LG
    Ursula

  2. Wow, kann mir das richtig befreiend vorstellen. Bringt mich zum Nachdenken…

    Aber ist das nicht schwierig trotz „Befreiung“ dich ständig beruflich mit dem Thema MS auseinander zusetzen, durch deinen Blog und MS persönlich..?
    Liebe Grüße 🙂

    1. Nein im Gegenteil ☺️ – Für meinen Blog macht es im Grunde eh keinen Unterschied, weil ich hier über mein Leben schreibe .. ich sag mal, egal, wie groß die MS darin ist. Es kann höchstens sein, dass der ein oder andere Leser meine Blickwinkel nicht mehr so mitgehen möchte. Aber am Ende richte ich diesen Blog nicht auf eine Art Beliebtheit aus, sondern bleibe hier immer zu 100 Prozent Ich. Natürlich könnte ich wie früher weiter über gewissen Themen schreiben, weil ich viel tolles Feedback dazu bekomme .. andere finden sich in meinen Emotionen wieder usw. Aber es war nie mein Ziel, mit KGW berühmt zu werden. Ich will mit KGW zu mir selbst reisen. Und wo das hingeht: keine Ahnung 😀

      Und beruflich bei MS Persönlich ist es auch eher leichter geworden. Insgesamt ist vieles einfach leichter geworden. Eine Art von Verbissenheit und Ehrgeiz ist einfach nicht mehr da. Was aber nicht die Leidenschaft schmälert, wie man vielleicht im ersten Augenblick denken mag, sondern sie eher neu entfacht und jetzt auf gesunde Art und Weise erhält.

      Ganz liebe Grüße an dich 😘

      1. Verstehe.
        Interessant, was du für eine Wandlung oder Entwicklung gerade durchmachst…
        Liebe Grüße zurück :))

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