Spieglein an der Wand

Vor ein paar Monaten habe ich beschlossen auf diesem Blog auch über Hochsensibilität zu schreiben. Das Thema begleitet mich jetzt schon einige Jahre und ich durfte dadurch viel über mich lernen.

Und gleichzeitig hat es mir auch für mein Umfeld die Augen geöffnet. Erstens dafür, dass es überhaupt eine unterschiedliche Art von Sensibilität gibt und welchen Unterschied sie macht. Endlich zu realisieren, was genau mich an die Art einiger Menschen anecken lässt.

Und zweitens wieviele doch sehr sensible Menschen sich in meinem direkten Umfeld befinden. Und dass viele, mit denen ich mich spontan auf einer Wellenlänge fühle, sensibler sind als die breite Masse.

Mein Blick auf das hochsensibel-sein hat sich jetzt nochmal verändert. Und dabei geht es nicht um den fehlenden Filter und um Reizüberflutung und all das, sondern um zwischenmenschliche Beziehungen und soziale Interaktion.

Auch wenn es manchmal anstrengend ist, so viele Informationen immer und überall zu empfangen, war ich immer dankbar für meine geschärfte Wahrnehmung. Das hat sich auch nicht geändert. Und diese Wahrnehmung intensiviert sich sogar weiter durch die Meditation. Ich nehme Energien noch viel klarer auf. Und kann sie vor allem noch deutlicher benennen als früher.

Aber mir ist etwas aufgefallen. Viele – und ich schließe mich da mit ein, so wie ich vor einigen Monaten noch getickt habe – nutzen ihre Hochsensibilität als eine Schutzwall und verkriechen sich ein Stück weit in ihre eigene Welt.

Eine der ersten wichtigen Lektionen, die ich bei Deva lernen musste und an die sie mich wieder und wieder erinnert, ist: dein Umfeld ist dazu da, um dich zu spiegeln. In dem du so oder so auf etwas reagierst, siehst du, wo du stehst. Was macht es mit dir?

Was macht es mit dir, wenn dein Mann dich fragt, ob du gleich noch einkaufen gehst? Wenn du dich grad durch einen acht Stunden Tag gekämpft hast, der nicht mal besonders anstrengend war, aber dich trotzdem das letzte bisschen Energie gekostet hat. Wenn du grad völlig fertig mit einem Tee und einer Wärmflasche auf der Couch Platz genommen hast. Wenn er doch sehen müsste! Wie müde du bist! Wie ausgelaugt und am Ende! Deutlicher geht es doch nicht mehr! Wieso sieht er das nicht? So viele Anzeichen dafür, dass grad gar nichts mehr geht. Er weiß doch eigentlich, dass du so oft mit Fatigue von der Arbeit kommst.

Was passiert also in dem Moment? Ich fühlte mich unverstanden. Nicht gesehen. Unsensibel behandelt.

Es ist nur ein kleines Alltags-Beispiel für eine Million Situationen, in denen wir HSP-ler uns wünschen, gesehen zu werden.

Aber was ist eigentlich passiert? Eine sachliche Frage meines Mannes hat mir gespiegelt, dass ich nicht mehr kann. Wie gerne wäre ich wie geplant einkaufen gegangen. Und wie sehr es mich ärgert, dass ich so müde bin. Wie sehr ich damit gerade nicht einverstanden bin. Man kann es sogar noch viel tiefer verfolgen, aber lassen wir das an dieser Stelle.

Und aus einer einfachen Frage wird ein Drama – ihr versteht: im übertragenden Sinne.

Ich erlebe es so oft mit, dass sich HSP Menschen schlecht und rau behandelt fühlen. Und früher hab ich gedacht: Ja, dieses Kreuz haben wir zu tragen. Wir schließen von uns auf die anderen. Wir würden nicht so reagieren, sondern auf unser Gegenüber eingehen. Wir hätten erkannt, wenn unser Mann eh zu fertig zum Einkaufen gewesen wäre. Ohne mit der Wimper zu zucken wären wir dann einkaufen gegangen und hätten ihm noch einen Keks zum Tee gebracht, ihn in eine warme Decke eingekuschelt … ok, ihr merkt, was ich mir so wünsche in solchen Situationen 😀

Nachdem ich also früher in dem Zustand kleben geblieben bin, dass er mich einfach nicht versteht, weil er nicht so sensibel ist, bin ich heute ganz woanders. Ich bemerke den Spiegel. Es gefällt mir natürlich oft nicht, was ich da sehe, aber es bringt mich weiter.

Letztendlich habe ich es herausgeschafft aus der Gedankenschleife, dass eben nunmal einige Menschen sensibler sind als andere und die Sensibleren unter uns darunter „leiden“ müssen, weil sie gar keine andere Wahl haben.

Nein, ich stelle fest: Das stimmt so nicht. Diese ganzen Emotionen, die eine unsensible Reaktion meiner Mitmenschen in mir hervorrufen, sind in den allermeisten Fällen einfache Spiegelungen meiner eigenen Themen. Fast immer. Ich muss nur gewillt sein, sie zu erkennen.

Und hey, das ist verdammt anstrengend. Aber so unglaublich bereichernd. Ich habe seit dieser Lektion überhaupt nicht mehr das Gefühl, dass mein Mann mich – natürlich unbeabsichtigterweise – unsensibel behandelt. Früher hatte ich dieses Gefühl oft! Sehr oft. Und ER hat gar nichts an seinem Verhalten verändert. Das Ganze ist eine reine Blickwinkel-Veränderung meinerseits.

Ich habe das Gefühl, dass viele hochsensible Menschen sich verschließen – auch hier: ich schließe die Sabine von vor ein paar Monaten da mit ein. Und wenn ich mit meiner jetzigen Meinung Menschen darauf anspreche, wollen sie nicht verstehen. Es ist fast so, als hätten sie Angst, ihnen ginge ihre liebgewonnene Sensibilität flöten, wenn sie sich auf den Gedanken einlassen, die Reaktion eines anderen könnte mit einem eigenen Thema zu tun haben. Es ist, als wollten sie unbedingt ihre unsensible Umwelt für ihr „Leid“ verantwortlich machen.

Ich bin jetzt da angekommen, dass ich sage: So einfach ist das nicht. Und ich kann außerdem sagen: Man verliert rein gar nichts, wenn man erkennt, wieviel der eigenen Themen sich in der Reaktion anderer Menschen spiegelt. Im Gegenteil: Man gewinnt! So viel! Ich kann mir meine eigene Sensibilität nun auch noch zunutze machen, um mich selbst weiterzubringen. Es lässt mich Dinge erkennen, die ich vorher überhaupt nicht benennen konnte, manchmal sogar nicht einmal bewusst wahrgenommen habe.

Ich fühle mich seitdem überhaupt nicht mehr chronisch unverstanden von der Welt. So vieles hat sich in Luft aufgelöst, was ich bis dato immer in Zusammenhang damit gesetzt habe, dass ich halt nunmal sensibler bin als andere. Ein anderer Blick und Puff! – Leichtigkeit. Fast wie Magie. Fast.

4 thoughts on “Spieglein an der Wand

  1. Hi Sabine, da machst du jetzt ein riesiges Gedankenfeld auf… wie soll ich mich jetzt nur kurz halten? 🙂
    Der Gedanke, dass mein Umfeld oder mein Gegenüber mich spiegeln, das kann man wirklich in vielen Situationen beobachten. Und das sehe ich ganz unabhängig von der Hochsensibilität.
    Vielleicht könnte man es auch krass ausdrücken: Jede Begegnung, jede Situation, passt zu mir in jenem Moment. Das, was ich gerade ausstrahle, wird mir von meinem Gegenüber zurückgemeldet. Das, was mich tief beschäftigt, tritt immer mehr in meinem Alltag ein. Da gibt es sicher viele Menschen, die das anders sehen… Ich lass das mal so stehen.
    Was mir für den Umgang mit meiner Hochsensibilität geholfen hat, meine Hochsensibilität als mein inneres Kind zu betrachten. Wenn ich mich mal wieder unsensibel behandelt fühle und ein Drama daraus mache, versuche ich kurz inne zu halten und zu meinem inneren Kind zu sagen: Hey, wo liegt jetzt eigentlich das Problem, was fehlt dir wirklich? Damit fällt es mir leichter die Situation weniger schlimm zu bewerten und meine Reaktion zu verstehen. (Text folgt…. ins Feld passt nicht mehr rein…)

    1. …. vielleicht kann man das ja mit dem Spiegel vergleichen: So, wie ich kurz inne halte und mein inneres Kind betrachte, so hältst du inne und schaust in den Spiegel. Man tritt einen Schritt zur Seite und betrachtet seine eigene Reaktion und seine Emotionen von außen… Man geht die Sache einfach irgendwie pragmatisch an – Und deshalb kann ich andere Hochsensible verstehen, wenn es ihnen schwer fällt die Situation mit einem klareren Blick zu analysieren. Das ist ja das Gegenteil von dem, was uns ausmacht bzw. was unsere Emotionen und Eingebungen mit uns machen 😉
      Und was mir noch im Alltag hilft: Andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind und ihr Verhalten nicht zu bewerten. Hört sich simple an, ist aber extrem schwierig. Besonders das nicht-zu-bewerten.

      Alles Liebe! <3

  2. Danke für deinen Artikel. So habe ich über die ganze Sache noch nicht wirklich nachgedacht. Es bringt einen darauf, eine ganz andere Perspektive einzunehmen. Finde ich gut. Ich werde noch ein bisschen drüber nachdenken ;). Viele liebe Grüße von der FibroFee

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