Zwei Monate wie ein halbes Jahr

Wir sind zurück! Zurück in Hamburg, zurück in der Wahlheimat. Die letzten beiden Monate haben wir diesem Ort nur zwischendurch zum Wäschewaschen Hallo gesagt. Der eine Koffer wurde aus- und der nächste wieder eingepackt.

Eine herrliche Zeit. USA, Kroatien, Belgien, Sonne und Wärme ohne Pause, drei große Festivals. Und eine ganz neue Art des Erlebens für mich. Meine Meditations-Reise bringt mich zu einer neuen Art von Bewusstheit. Das „im Jetzt leben“ bekommt eine neue Dimension.

Und wisst ihr, was jetzt – in diesem Augenblick – das Schönste an diesem neuen Bewusstsein ist? Die Zeit vergeht langsamer.

Das ist mir jetzt vor allem über die beiden Reisemonate aufgefallen, die sich angefühlt haben wie ein wunderschönes halbes Jahr. Früher war mir der Urlaub grundsätzlich immer zu kurz. Sobald ich einen Fuß in meine Wohnung gesetzt habe, flossen die Gedanken wie automatisch ganz wehmütig zurück an den Strand. Und wenn ich richtig ehrlich bin, fing es schon beim Verlassen des Urlaubsortes an, dass ich traurig wurde, weil die Urlaubszeit so schnell verronnen ist.

Das ist dieses Jahr anders. Ganz ganz anders. Ich habe über die letzten Monate gemerkt, wie sehr ich immerzu in Gedanken in der Zukunft gelebt habe. Da sind immer zu Gedankenreisen, Pläne, To-Do Listen. Auf gewisse Art und Weise hatte ich schon durch die Diagnose angefangen, mehr im Jetzt zu leben als früher – allein dass wir diese ganzen Reisen unternehmen und nicht alles Geld für die Zukunft sparen ist ein großes Improvement meinerseits. Ich habe gewisse Momente mehr ausgekostet und meinen Gesundheitszustand in den überwiegend guten Zeiten sehr zu schätzen gelernt.

Aber jetzt übe ich mich im Jetzt Jetzt leben. Jetzt. In diesem Augenblick. Zu spüren. Den Wind, der meine Haare streift, die Sonne, die mir auf der Haut brennt. Den Fritteusen-Geruch des Imbisses um die Ecke, der mir um die Nase weht. Mein Fuß, der auf dem anderen ruht. Mein Brustkorb, der sich beim Atmen hebt und senkt. Und bei all diesen Sachen nicht zu bewerten, sondern es einfach geschehen zu lassen und zu beobachten.

Je häufiger ich es am Tag schaffe, in diesen Beobachter zu kommen, desto intensiver und länger fühlt er sich an. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was für ein tolles Gefühl das ist. Vor allem für jemanden wie mich, der jahrelang von Aufgabe zu Aufgabe, von Job zu Job, von Ort zu Ort gehetzt ist.

Das Jahr war grundsätzlich schon zur Hälfte um, bevor es überhaupt angefangen hat. Die Tage, Wochen, Monate rasten an mir vorbei. Wie oft saß ich mit meinen Kollegen da und stellte mit einem schweren Seufzer fest, dass schon wieder so viel Zeit verronnen ist. Und womit? Was war geschehen in all diesen Tagen? Was hatten wir überhaupt erlebt?

Hatten wir überhaupt etwas richtig er-lebt? Irgendwie doch nicht wirklich im Vergleich zu jetzt. Früher wäre habe ich das natürlich nicht so gesehen. Da habe ich mich schon als jemand empfunden, der Momente auskostet. Aber rückblickend im Vergleich zu Jetzt? Fühlt sich damals so .. ferngesteuert an.

Ja, irgendwie fühle ich mich gerade wie eine rebellische Marionette, die Stück für Stück, Faden für Faden ihre Verbindung zu ihrem Fadenspieler kappt und von alleine handeln lernt.

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