Darf ich mir ein Schnitzel bestellen?

Mein nahes Umfeld hat nun ein Jahr, nachdem ich Ayurveda kennengelernt habe, so langsam mitgeschnitten, dass ich mich anders ernähre, als der Durchschnitt. Vorher war es ja einfach „gesund“ – und das war für die meisten schon ein Grund für spitze Bemerkungen. Aber nun blickt wirklich niemand mehr daran lang, wonach ich mir mein Essen aussuche.

Die Gedanken der anderen lesen sich quasi selbst: „Jetzt isst sie plötzlich abends keinen Salat mehr? Und keinen Käse? Keine kalte Saftschorle mehr zum Essen? Und kein Fleisch? Also ich bestelle mir jetzt trotzdem Schnitzel mit Pommes, das muss einfach sein!“

Dieses Phänomen ist mir nicht unbekannt. Und nun falle ich wohl auch unter diese Menschen, bei denen andere das Gefühl bekommen, sich für ihre Essensauswahl vorab entschuldigen zu müssen, wenn sie mit mir essen gehen. Mmh..  eine Mischung aus niedlich und kampfeslustig. Und so unnötig.

Bisher kenne ich das vor allem aus Erzählungen von Veganern. Diese typischen Diskussionen, die unweigerlich auf den Tisch kommen, wenn man nach einer intensiven Verhandlung mit dem Kellner endlich eine vegane Variante aus der Speisekarte herausgekitzelt hat und der andere ganz frei von der Leber weg den Grillteller bestellt.

Dismissed!

Wenn ich irgendwo essen gehen will, achte ich auch grundsätzlich auf vegane Angebote. Aber nicht, weil ich eine typische Veganerin wäre. Denn A) identifiziere ich mich grundsätzlich nicht mehr mit Ernährungs-Gruppierungen und B) gibt es auf meinem Speiseplan drei tierische Nahrungsmittel: Ghee und Honig täglich und ab und zu auch Vollmilch. Dafür bin ich also bei den Veganern sowieso schon geächtet 😉

Trotzdem esse ich auswärts gerne vegan, weil ich wenn nur hochwertige, nicht homogenisierte Bio-Milch zu mir nehme und am liebsten Honig aus der Region. Alle anderen tierischen Nahrungsmittel möchte ich nicht im Essen haben. Und leider sind vegetarische Gerichte oft vollgestopft mit Käse und Sahne und all sowas.

Da ich also immer veganes Essen anfordere, denken viele meiner Bekannten nun, ich sei Veganerin. Und so komme ich also in den „Genuss“, dass man sich für die eigene Essensbestellung rechtfertigt. Natürlich spiegelt sich ihr eigenes schlechtes Gewissen in mir wieder – die meisten wissen, dass sie zu viel Fleisch oder Süßigkeiten oder was auch immer unzuträglich ist, essen. Sie kommen nicht davon weg – und in meiner Anwesenheit wird ihnen bewusst, dass es sehr wohl auch anders geht.

Ich nehme das alles mit einem Lächeln an. Denn ich weiß, dass dieses Verhalten in meinem Gegenüber verwurzelt ist und nichts mit meiner Ernährungsweise zu tun hat. Und ich denke außerdem, dass sich niemand für sein Essverhalten rechtfertigen muss. Also jedenfalls nicht in meiner Gegenwart.

Fleisch, ja oder nein?

Auch wenn ich absolut kein totes Tier mehr essen möchte aus diversen Gründen, kann ich meinem Mann zu gemeinsamen Mahlzeiten ein Stück Fleisch dazu braten, wenn er will. Es ist kein Drama für mich.

Dieser Erkenntnisprozess, dass Fleisch eine Notwendigkeit menschlicher Ernährung ist, die in unserem Zeitalter und hier in Deutschland einfach komplett überholt ist – der muss von alleine kommen.

Ich habe bis vor einem Jahr selbst noch Fleisch konsumiert. Das kann ich gar nicht so richtig glauben.. in meiner Wahrnehmung esse ich es seit Jahrzehnten nicht mehr. Es schmeckt mir nicht mehr, es liegt wie ein Stein im Magen, der Körper braucht mehr Energie es zu zersetzen, als dass er Energie daraus bekommen kann – allein das ist ein Totschlag-Argument gegen Fleisch – und obendrein dieses ganze Tier- und Umweltleid, was wir mit unserem Fleischkonsum verursachen. Nein danke.

Und trotzdem ist das ein Prozess jedes Einzelnen. Who am I to judge? Jeder muss das selbst wissen. Und jeder ist unterschiedlich bereit, sich für ein fleischloses Leben zu öffnen. Ich habe 31 Jahre gebraucht. Einige brauchen 60. Einige brauchen nur 6. Jeder ist anders. Solange eine Erkenntnis nicht von innen heraus gewachsen ist, ist sie nicht nachhaltig und wird sich mit unterdrückten Bedürfnissen irgendwann rächen.

Egal mit wieviel Leidenschaft mir damals Veganer von ihrem Leben vorgeschwärmt haben und wieviele stichhaltige Argumente sie hatten – ich habe das nie so richtig gehört oder hören wollen. Es brauchte erst ein anderes Klickklack in meinem Gehirn. Ich habe mich nie zu etwas nötigen lassen, sondern es durfte sich einfach so entwickeln. Dann habe ich von einem auf den anderen Tag aufgehört mit dem Fleisch und es nie vermisst und nie bereut.

Daher möchte ich euch alle inspirieren, jedem seine Ernährung zu lassen. Wer andere inspirieren möchte, sollte einfach nur vorleben, wie es geht. Frei nach Mahatma Ghandi:

BE THE CHANGE YOU WISH TO SEE IN THIS WORLD

Das ist meiner Meinung nach das Effektivste. Der erhobene Zeigefinger darf in der Hosentasche bleiben. Die langlebigsten Erkenntnisse kommen von alleine.

Ich mag mich auch deswegen nicht mehr zu diesen ganzen Ernährungs-Gruppierungen dazu zählen. In Zeiten sozialer Netzwerke rotten sie sich alle zusammen und zeigen auf andere. Das erzeugt nicht nur Konflikt in der Welt, sondern auch Konflikt in sich selbst. Man fühlt sich besser als andere, richtiger.

Im Ayurveda gibt es keine Dogmen. Da darf alles sein. Da wird jeder Mensch einzeln betrachtet. Es gibt Empfehlungen für die eigene optimale Ernährung – ob man denen dann nachkommen möchte oder nicht, das kann man selbst entscheiden.

Wenn mich also jemand fragt, was für eine Ernährung ich verfolge, dann komme ich immer in Verlegenheit, weil es dafür einfach keinen Namen gibt. Es ist einfach MEINE. Also im Grunde verfolge ich die Sabinische Ernährungsweise. Mein Körper bekommt das, was er gut verträgt und was ihn optimal nährt. Punkt. Und er dankt es mir mit ungeahnter Energie, Klarheit im Kopf und Gesundheit.

Kein Drama, kein Dogma, kein Gruppe, keine Identifikation.

So pragmatisch ist die Sabine mit ihrer Ernährung geworden. Und das tut so gut.

One thought on “Darf ich mir ein Schnitzel bestellen?

  1. Oh Sabine, dein Post kommt wieder mal genau zur richtigen Zeit!
    Ich fahr mit ein paar Kollegen in drei Wochen auf Betriebsausflug, zwei Tage in den Bergen. Mit Grillen und Almhütten usw.

    Grad gestern hab ich zu einer Kollegin gesagt, dass sie mich bei den Essereien nicht einplanen müssen, weil ich mir selbst was mitnehmen werd. Ist ja auch wirklich kein Ding, ich bin das mittlerweile auch schon gewöhnt und vorkochen bzw vorbereiten macht mir nix aus. Dann meinte sie so „Naja welche Ernährungsform verfolgst du denn da gerade?“ und ich so „Hm… gute Frage!“ – Denn es ist genau wie du schreibst, einfach MEINE Ernährungsform. Hauptsächlich vegan (freiwillig), aber auch glutenfrei (fast freiwillig – als Vorbeugung wegen der Autoimmunsache) und keine Fruktose (unfreiwillig – wird hoffentlich bald wieder besser). Achja und Meidung von Industriezucker (auch freiwillig, da ich dadurch VIEL mehr Energie hab).

    Außerdem merke ich mittlerweile dass nicht ich diejenige bin, die mit dem Zeigefinger auf andere zeigt, sondern eher umgekehrt (ich mach das sowieso nicht weil ich auch glaube, dass es dieses berühmte „Klick“ braucht). MIR wird jetzt ständig vorgehalten dass ich mich ungesund und einseitig ernähre. Dass ich garantiert Mängel entwickle und (zwischen den Zeilen), dass ich nicht ganz dicht bin.

    Aber gut. Lieber nach außen hin nicht ganz dicht, als insgesamt krank, müde und schlecht gelaunt, oder? 😉

    Finde es jedenfalls spannend, diese Spiegelsache zu beobachten. Denn auch da stimme ich dir voll und ganz zu, die meisten ärgern sich einfach über das eigene Spiegelbild, das sie durch uns deutlicher sehen. 😉

    In diesem Sinne, tausend Dank für die mentale Stärkung!
    Von dir unbewusst goldrichtig veröffentlicht und von mir grad überhaupt nicht erwartet oder erhofft. 😉

    Drück dich!
    Claudia

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