„Multiple Schicksale“, Jann und ich

In ein paar Tagen ist es soweit und ein weiterer Langfilm über MS wird in die deutschen Kinos kommen! Filmemacher Jann Kessler und ich haben schon seit einer Weile Kontakt – ich glaube wir haben uns gegenseitig vor ca. einem Jahr gefunden, als mein Film in den Startlöchern stand. Was für ein irrer Zufall, dass wir fast gleichzeitig den Drang verspürten und begannen, unsere Berührungspunkte mit der MS filmisch zu verarbeiten. Er in der Schweiz und ich in Deutschland. Er als 16jähriger Angehöriger und ich als 27jährige frisch-Diagnostizierte.

„Multiple Schicksale“ hat Jann seinen Film genannt und besucht – wie ich in „Kleine graue Wolke“ – verschiedene Menschen mit MS, um von ihnen zu lernen. Und wie bei mir ist es am Ende die Bekanntschaft zu all diesen Menschen, die uns am meisten nach vorn bringt.

Jann und ich lernen uns zuerst auf Facebook kennen und tauschen unsere Filme aus. Ohne groß darüber nachzudenken, teile ich sein Projekt auf meiner Facebookseite, weil ich eine spontane Solidarität unter jungen Filmemachern zwischen uns verspüre. Erst danach habe ich mir seinen Film angeschaut. Wie ich ihn erlebt habe, dazu später mehr.

Fast ein Jahr später besuche ich Jann in der Schweiz und drehe eine Folge für „Tausend Gesichter“ über ihn.

Die Drehtage in der Schweiz sind großartig. Wir tauschen so viele Erfahrungen aus, entdecken so viele Gemeinsamkeiten an Emotionen, die wir durch den Filmdreh durchlaufen sind. Ich fühle mich auf einer ganz anderen Ebene verstanden wie noch nie. Obwohl Jann selbst keine MS hat. Es sind vor allem die Herausforderungen einer Filmproduktion mit einer Krankheit im Mittelpunkt, die wir beide ähnlich erlebt haben und die bisher noch nie jemand so nachvollziehen konnte. Und über die ich bisher nie in dieser Art und Weise reden konnte.

Tausend Gesichter - Jann Kessler

Janns und mein Film sind sehr unterschiedlich. Jetzt, wo der Film in Deutschland beworben wird, werde ich immer häufiger von MS-lern angeschrieben, ob man den Film denn gucken könnte. Denn der Trailer gibt schon einen kurzen Einblick darüber, dass in dem Film auch sehr harte Verläufe vorkommen. Ich möchte an dieser Stelle ein paar Worte darüber schreiben – letztendlich soll es aber weder eine Empfehlung noch das Gegenteil sein. Jeder muss selbst entscheiden, ob er sich in dem State of mind befindet, diesen Film als Inspiration anzusehen.

Zugegeben: Beim ersten Schauen vor einem Jahr musste ich den Film nach 20 Minuten pausieren und erstmal etwas anderes machen. Ich habe ihn dann später ein wenig weitergeschaut, aber auch immer mal wieder Passagen übersprungen. Der Anblick von Janns Mama hat mich damals ordentlich schockiert und da im weiteren Verlauf des Films keine MS-ler dabei waren, die sich in dem Bereich von den Einschränkungen her bewegen, in dem ich mich befand, gab es wenig Anreiz für mich, mich in den Film reinfallen zu lassen.

Als ich dann vor ein paar Monaten Jann und seine Mama persönlich kennengelernt habe, verspürte ich sofort das Bedürfnis, diesen Film nochmal anzuschauen. Was ich tat.

Was ich dieses Mal sah, war kein Film über MS. Es war mehr ein Film über das Leben (amüsanterweise sagen das auch viele Nicht-Betroffene über KGW). Der Film wird begleitet von der Frage, bis wann das Leben lebenswert ist. Ich erlebte die Suche nach Antworten eines jungen Mannes, der seine Mutter früh an eine Krankheit verloren hatte. Ich sah so viel an seinen Fragen, seinen Gedanken, seinen Emotionen.

Ja, der Film portraitiert (nicht nur, aber) vor allem die schwereren Verläufe der MS. Das ist ein grundlegender Unterscheid zu KGW. Aber man bedenke die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen der Film entstanden ist.

Jann ist fünf Jahre alt, als seine Mama MS bekommt. Sie kann nie darüber reden, igelt sich ein, gibt keine Antworten. Die MS schreitet schnell voran, Janns Mama muss in ein Pflegeheim als er in die Pubertät kommt, kann mittlerweile nicht mehr reden oder anderweitig kommunizieren.

In seiner Doku lernt Jann Menschen kennen, die selbstbestimmt leben wollen. Die über ihre MS reden. Die sich aktiv ihrer Krankheit stellen. Glücklich sein wollen. Und gleichzeitig sucht, lernt und findet er einen Umgang mit der MS seiner Mama umzugehen.

Meine Perspektive ist eine andere. Und beim ersten Schauen ist es mir nicht gelungen, umzudenken und mich von den wunderbaren Menschen aus Janns Film mitnehmen zu lassen. Ich denke, dass ich auch nicht ganz leicht, wenn man in der Situation ist, einen der sanfteren Verläufe zu haben. Die Gefahr ist groß, die Krankheit in den Vordergrund zu stellen, und zwar soweit, dass sie den Blick auf das verdeckt, um das es wirklich geht. Nämlich um die Menschen.

Es gibt schon jetzt sehr unterschiedliche Meinungen zu diesem Film – aus verständlichen Gründen. Aber ich würde mir wünschen, dass jeder selbst in sich hineinhorcht, ob der Film wohl etwas für einen ist oder nicht. Wie ihr gelesen habt – es ist alles eine Sache des State of mind.

Gibt es dafür eigentlich auch ein treffendes deutsches Wort? .. Geistesverfassung .. mmmmhhh ☺️ das klingt immer so sperrig.

3 Gedanken zu „„Multiple Schicksale“, Jann und ich“

  1. Hallo Sabine, du erwähntest, dass der Film von der Frage begleitet wird „bis wann das Leben lebenswert ist“. Ich möchte gern auf diese Frage eingehen wenn ich darf.
    Ich habe viele schwerkranke Menschen erlebt. Besonders mit querschnittsgelähmten Menschen hatte ich früher Gespräche mit dem Inhalt genau dieser Frage. Mir sagte mal ein seit 15 Jahren hoch querschnittgelähmter Mann, der seinen Rollstuhl mit dem Mund bediente, ungefähr: „Weißt du, der Paraplegiker würde alles dafür tun wieder laufen zu können. Der Tetraplegiker würde alles dafür tun seine Arme bewegen zu können. Der Tetraplegiker mit Beatmungsmaschine und Ernährungssonde würde alles dafür tun wenigstens wieder selbständig atmen und schlucken zu können.“

    Er sagte zu mir, dass er nach all den Jahren tiefster dunkler Löcher mittlerweile „eine Art von Zufriedenheit“ verspüre. „Er sei nicht glücklich, sicher nicht, aber er sei zufrieden.“

    Natürlich kommt es immer auf die individuelle Situation an, ob man bspw. unter chronische Schmerzen oder Depressionen leidet, ständiger Schübe usw… Dennoch, diese Gespräche mit diesem Menschen haben mir damals schon ordentlich die Augen geöffnet.

    Seit ich selbst chronisch erkrankt bin, kann ich mit den Sprichwörtern „Gesundheit ist das höchste Gut“ und „Gesundheit ist nicht alles aber ohne Gesundheit ist alles nichts“ gaar nichts mehr anfangen. Es gibt doch noch mehr als nur Gesundheit und Krankheit auf diesem Planeten.
    Was bringt mir Gesundheit wenn ich kein stabiles Umfeld habe, wenn ich in meiner Partnerschaft unglücklich bin. Ja vielleicht mag einer denken, ich bin jung, naiv und am Anfang meiner Krankheitsgeschichte, aber lieber habe ich heute schon diese Einstellung, um mich dafür zu wappnen was noch kommt. Und vielleicht werde ich mir den Film genau mit diesem state of mind ansehen 😉

    1. Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, liebe Mia! Ich denke auch, dass die Frage, was Lebensqualität ist und bis wann ein Leben lebenswert ist, sehr individuell ist und von jedem selbst beantwortet werden muss. Und niemand sollte sich anmaßen darüber zu urteilen, ob jemand sein Leben als lebenswert einstuft oder nicht.

      Ich stimme dir zu: Leben ist mehr als Gesundheit und Krankheit. Und so ist Lebensqualität auch mehr als gesund oder krank zu sein. Und genau deswegen kann man als Außenstehender niemals wissen, wieviel Lebensqualität ein anderer Mensch empfindet oder auch nicht, denn da spielen so viele verschiedene persönliche Aspekte mit hinein.

      Schau dir den Film an, ich bin sehr gespannt auf deine Meinung!

  2. Mit großem Interesse verfolge ich eure Arbeiten und euren künstlerischen Umgang mit dem Thema MS. Ich selbst habe einen Roman zum Thema geschrieben, den ich im September als E-Book veröffentlicht habe. RAUSCHEN handelt von Mark, der die Diagnose Multiple Sklerose erhält. Aus der Bahn geworfen, versucht er sein kleines Stadthotel in der ehemaligen Villa seiner Großeltern weiterzuführen. Doch schubförmig breitet sich die Krankheit aus. Als in der Nachbarschaft ein neues Hotel gebaut wird, sieht Mark zudem seine wirtschaftliche Existenz bedroht. Statt bei Sara, seiner Mitarbeiterin, oder seinem väterlichen Freund Hubert Hilfe zu suchen, kapselt Mark sich immer weiter ab. Bis Thea aus Italien zurückkehrt – Marks Jugendliebe.
    Soviel kurz zum Inhalt. Das Buch ist bei allen gängigen E-Book-Stores erhältlich. Vielleicht ja von Interesse, würde mich freuen.

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